Seitenwechsel

Seitenwechsel


Psychiatrieerfahrene Professionelle erzählen.

Sachbuch von Sibylle Prins (Hgin.)

Psychiatrie teilt sich seit jeher in "zwei Lager": Die, die behandelt werden, auf der einen Seite, und die, die behandeln, auf der anderen. Dazwischen eine scheinbar unüberbrückbare Kluft.

Sibylle Prins hat Menschen gesucht und gefunden, die beide Seiten aus eigener Erfahrung kennen - professionelle Mitarbeiter/innen aller Berufsgruppen in der Psychiatrie, die selbst psychische Krisen und psychiatrische Behandlung erfahren haben.

Wie sieht die Psychiaterin nach ihrem Klinikaufenthalt als Patientin die Psychiatrie - und wie, wieder im Job, ihre eigene Arbeit?
Und was berichten Psychiatrie-Erfahrene, die die Seiten wechseln und erfolgreich im psychiatrischen Bereich arbeiten - obwohl ihnen gesagt wurde, sie dürften auf keinen Fall einen sozialen Beruf ergreifen, schon gar nicht in der Psychiatrie?
Ist eine solche doppelte Psychiatrie-Erfahrung hilfreich oder problematisch - oder beides zugleich? Wie sieht es aus mit der viel beschworenen Abgrenzungs- und Rollenproblematik?

Ist die bewusste Einstellung von Psychiatriebetroffenen in der Psychiatrie ein Modell der Zukunft?

Die erzählenden Interviews in diesem Buch geben aufschlussreiche Antworten und überwinden damit das "Lagerdenken" in der Psychiatrie.
Eine längst überfällige Diskussion ist eröffnet.


Leseprobe:

Frage: War dein psychiatrisches Vorverständnis dir in und nach deinen eigenen Krisen eher förderlich oder hinderlich?

Margret Osterfeld: Erst einmal war es sehr hilfreich. In dieser akuten Zeit des Eingesperrtseins habe ich oft zu mir und manchmal auch zu anderen gesagt: "Wenn ich nicht selber Psychiaterin wäre und wüsste, warum sie so handeln und was die sehen, worauf sie ihre Entscheidungen gründen, dann würde ich hier verrückt." Also ohne mein professionelles Vorwissen wäre ich in diesen Wochen völlig durchgedreht. Ich hätte nie wieder gewusst, wem ich trauen kann usw.

Es gab aber auch Situationen, wo mein Fachwissen es mir schwerer gemacht hat. Wenn ich zum Beispiel nur naiv medikamentengläubig gewesen wäre, wären gewisse Konflikte gar nicht erst entstanden. Das andere ist aber, dass jede so tief gehende Krise und solches Erleben, die Gewalterfahrungen - ich nenne das einmal "seelische Vergewaltigung" -, die hinterlassen natürlich seelische Spuren, sind für jeden Menschen schwierig - die ganze Identität ist in Frage gestellt. Es war sehr lange schlimm für mich, dass meine berufliche Identität eben auch völlig in Frage gestellt war, dass ich eben nicht mehr wusste, ob und wie ich mich überhaupt noch mit dem Beruf identifizieren kann.

Hat sich im Umgang, im Verhältnis zu deinen Patienten etwas verändert für dich?

Die Antwort ist ein klares Ja. Heute suche ich das Verständnis natürlich an vielen Stellen sehr viel bewusster, wenn es die Zeit erlaubt.

Ich selber bin sehr viel zurückhaltender geworden mit Zwangsmaßnahmen. Auch da hat sich meine Haltung sehr geändert - erst mal zu reflektieren, was gibt es für andere Möglichkeiten und was können wir machen? Ich könnte nicht auf einer geschlossenen Station arbeiten, weil ich da diese ständigen Zwangsentscheidungen nicht mittragen könnte, geschweige denn, sie auch nur halbwegs vernünftig finden könnte. Da sehe ich mich allemal als traumatisiert.


Rezension von Martin Lenz

Bewirbt sich eine Musiktherapiestudentin oder ein Student für ein Praktikum bei mir in der psychiatrischen Klinik, gehört es zu einer meiner Standardfragen im Vorgespräch, ob sie oder er im Laufe des bisherigen Lebens psychische Krisen durchlebt hat und ob es Menschen im näheren Umfeld gibt, die psychisch krank sind. Wichtig ist mir dabei, darüber ins Gespräch zu kommen, wie und mit wessen Hilfe diese Krisen und diese Belastung bewältigt wurden und werden. Es ist für mich keine Frage, dass Menschen, die vielleicht selbst schon PatientInnen in einer psychiatrischen Klinik waren, MusiktherapeutInnen werden können. Aber es ist wichtig für mich, zu wissen, dass sich potentielle KollegInnen nicht aus Scham davor verstecken, oder vor sich selbst so tun, als sei das nicht gewesen.

Ein Buch, in dem Sibylle Prinz Gespräche mit Professionellen veröffentlicht, die selbst psychiatrieerfahren sind, gibt mir Recht. Die Offenheit und Klarheit bezüglich der eigenen Bewältigungsstrategien und Ressourcen von zukünftigen KollegInnen kann ein Praktikum "auf der anderen Seite", also nicht mehr als PatientIn, sondern als Therapeutin, zu einem wertvollen Prozess für uns beide werden lassen.

Was das Buch "Seitenwechsel" allerdings in mir auch bewegt, sind die Schilderungen langer und zum Teil unvorstellbarer Leidenswege von KollegInnen im weitesten Sinne, die manchmal eine Psychiatrie erleben mussten, wie ich sie mir kaum noch vorstellen kann. Und dennoch und machmal auch gerade deshalb sind diese Frauen und Männer engagierte MitstreiterInnen für eine humane Psychiatrie, wie man sie eigentlich überall erwarten dürfte.

Die Scham, von der immer wieder berichtet wird, macht sich eher bei mir bemerkbar. Ich schäme mich, dass es offensichtlich immer noch ein Problem sein kann, als Psychiatrieerfahrene/r in Berufen arbeiten zu können, die mit psychisch kranken Menschen zu tun haben, also als Ärztin, als Sozialarbeiterin, als Psychologe, Pflegemitarbeiter oder Musiktherapeutin.

Das Buch hebt sich für mich etwas von Veröffentlichungen anderer Psychiatrieerfahrener ab. Es erinnert mich nicht nur daran, meine eigene therapeutische Haltung immer und immer wieder zu reflektieren, sondern es mahnt mich, nie zu vergessen, dass auch ich Patient sein könnte. Und so hoffe ich, dass ein Satz einer Mitautorin dieses Buches in absehbarer Zukunft nicht mehr lauten muss: "Vor der Tatsache des Krankwerdens habe ich keine Angst mehr. Nur vor der Tatsache, so behandelt zu werden, habe ich Angst."

Ich empfehle dieses Büchlein gern, weil es bei aller Kritik kein Rundumschlag ist, sondern sehr differenziert und engagiert Veränderungen in der psychiatrischen Landschaft anstößt. Mich auch.

Martin Lenz


Rezension von Christian Zechert, in: Psychosoziale Umschau 1/07

Wider den Hochmut - Doppelerfahrung als Qualifikation

Ein Chirurg verletzt sich beim Schneiden der Rosen, ein Internist zieht sich eine Fischvergiftung zu - Geschichten aus dem Alltag, über die man schmunzelt. Was aber, wenn die Ärztin der Psychiatrischen Klinik depressiv erkrankt, wenn nach schwierigen Jahren der Krise sich ein Psychiatrieerfahrener um die Leitungsstelle im Wohnheim bewirbt? Solche Seitenwechsel zwischen Therapeuten und Patienten, zwischen Betreuerin und Klientin, Privatem und Beruflichem finden statt - in beide Richtungen. Welcher Professionelle erinnert sich nicht mit ambivalenten Gefühlen an für immer verschwundene, "dekompensierte" Kollegen und Kolleginnen? Tabuisiert und doppelt stigmatisiert sind sie.

Herausgeberin Sibylle Prins stellt in diesem 190-Seitenbuch zehn "psychiatrieerfahrenen Professionellen" Fragen, lässt berichten, hört aufmerksam zu, lenkt Leserin und Leser geschickt auf die zentralen Aussagen: Wie kam es zu der Krise, welche Erfahrungen mit der Psychiatrie hast du gemacht, wie hat sich Ihre Selbstwahrnehmung geändert, sollte man sich outen oder lieber nicht, wie war der Weg als Patient und später als Mitarbeiter in die Psychiatrie? Fragen, die sich stets den schwierigen biografischen Erfahrungen annähern und nie in einer Schwarz-Weiß-Malerei enden. Und höchstpersönliche Antworten, über die eigene Biografie hinausgehend, grundsätzliche Botschaften an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beinhaltend: Mehr zuhören, mehr Kompetenzen sehen, widersprüchliche Wahrnehmungen aushalten, nie - auch nicht nur zur spontanen emotionalen Entlastung - Klienten vor Kollegen diskriminieren, stattdessen die Logik der Krise und Psychiatrieerfahrung versuchen zu erkennen. Ihre Erfahrung zulassen und als Kompetenz einbringen. Aber auch Grenzen erkennen, das "Management" mit sich selber verbessern, die Vielfältigkeit der Erfahrungen nutzend.

Als Professionelle haben wir uns gut eingerichtet: wir behandeln, wir entscheiden. Der psychiatrieerfahrene Kollege jedoch - wo gehört er oder sie hin? Kollege? Ja, darauf gibt das Buch klare Antworten. Psychiatrieerfahrene können sehr gute Kollegen sein, bringen eine andere, tiefere Sensibilität ein. Die Befragten haben dies ausgehandelt, haben mehrheitlich offen darüber sprechen können.

Die Botschaft dieses Buches ist überfällig. Ein Signal wider den Hochmut der Professionellen, für eine neue Qualität im Dialog zwischen Psychiatrieerfahrenen und Professionellen. Es ist ein Lehrbuch des Dialogs und ein Lehrstück gegen jegliche professionelle Einseitigkeit. Es ist die Aufforderung zu mehr Sensibilität und Respekt und Wahrnehmung der Kompetenzen der Erfahrenen. Dass dies so unaufgeregt nachhaltig und ohne die Beschwörung von Feindbildern gelingt, ist der Herausgeberin und ihrem Lektor Hartwig Hansen zu verdanken.

Ohne Zweifel und im Ernst: Das Buch gehört auf den Lehrplan der Universitätspsychiatrie. Aber nicht nur dort.


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