Rezensionen: "Gut, dass wir mal darüber sprechen"

Gut, dass wir mal darüber sprechen


Rezension

So plastisch schreibt die Autorin, in einer so sehr sprechenden, weniger schreibenden Sprache, dass ich sie mir vorstellen muss. Oft steht sie mir gegenüber, im Wartezimmer, mit verschränkten Armen und hochgezogener Unterlippe. Sie wirkt beleidigt bei ihrem Bericht über die Unzulänglichkeiten psychiatrischen Handelns. Oder sie gestikuliert wild und atemlos, sprudelt vor Ideen. Zwei Worte müssen für einen Satz reichen, denn da kommt schon der nächste Gedanke. Diese beiden Bilder kommen mir immer wieder. Und Recht hat Sibylle Prins mit beiden Haltungen. Natürlich ist sie beleidigt, ihr wurde Leid zugefügt. Weniger durch die spektakulären psychiatrischen Behandlungen wie Zwangseinweisung, Fixierung und Elektroschock, mehr durch die blande Gewalt der Ignoranz, des Hochmuts, der Distanziertheit und der Distanzlosigkeit der Behandler. Diese erlebte sie als Personen, die nichts von ihr wissen wollten oder die alles vorgaben von ihr zu wissen. Vieles in diesem Buch ist ein Plädoyer für KlientInnenkompetenz. Atemlos ist sie auch zu Recht. Anders als beim Hausarzt, wo gelegentlich jeder Wartende seine Krankheits- und Lebensgeschichte erzählt, herrscht in psychiatrischen Wartezimmern bleiernes Schweigen. Diejenigen, die krankheitsbedingt plappern, werden schnell verarztet. Wenn jemand nach langem Schweigen einen Berg voller konstruktiver Vorschläge unterbreitet, dem mag innerhalb der knapp 200 Seiten schon mal die Puste ausgehen.

Sibylle Prins schreibt von so grundlegenden Dingen wie der Zeit. Wieviel Zeit dürfen Psychiatrieerfahrene haben, wie viel Zeit müssen sie haben? In den Wartezimmern des Lebens brauchen sie viel Zeit, so viel wollen sie dort gar nicht haben. In den Behandlungszimmern, seien sie in der freien Praxis, in Kliniken oder Reha-Einrichtungen, bekommen sie wenig Zeit, bräuchten mehr.

Auch der pädagogisch-psychologische Bereich wird von der Autorin kritisiert. Warum müssen sich handwerklich unbegabte Menschen unbedingt an Laubsägearbeiten abquälen? Warum müssen Menschen, die gern mal ein Fertiggericht aus der Dose verspeisen, unbedingt zur Vollwerternährung überredet werden? Makaber wird dieses Unterfangen, wenn eine 8-köpfige PatientInnengruppe in den nächsten Lebensmitteldiscounter geschickt wird, um ein Päckchen Backpulver zu kaufen. Prins wünscht sich, ernst genommen zu werden. Sie möchte, hier ein Seitenhieb auf uns KreativtherapeutInnen, erklärt kriegen, was es für einen Sinn macht, auf Orffschen Instrumenten herumzuklimpern. Tatsächlich taugt eine Therapie nur so viel, wie sie ihr Vorgehen den Klientinnen und Klienten plausibel erklären kann.

Es gibt wenige veröffentlichte Stimmen von Klientinnen und Klienten. Hier ist eine. Wir können sie nutzen, um uns der anderen Seite der Wirklichkeit therapeutischer Prozesse anzunähern.

siehe: therapie kreativ, Heft 32/33, April 2002, S. 159f., Affenkönig-Verlag, Neukirchen-Vluyn

Lutz Debus


Rezension

Sibylle Prins (SP-LeserInnen bekannt durch ihre kritisch-ironisch-nachdenklichen Artikel zur Innenwelt der Psychiatrie) hat ihr erstes Buch geschrieben.

Es sind „Wortmeldungen“ zur psychiatrischen Praxis, zum Alltagsleben, zum Beziehungsgeschehen, häufig humorvoll, nicht selten philosophisch und voller Lebensweisheit – ein sehr inspirierendes Debut.

Am Anfang steht das Kapitel „Vom Verrücktsein“. Besonders gut gefallen mir hier die Überlegungen zum Thema Freiheit, die in der Psychiatrie (auch wenn es sich um die innere Freiheit handelt) in den seltensten Fällen respektiert wird. Psychiatrischen Profis empfehle ich, hier genau zu lesen, denn man kann den Erörterungen Sibylle Prins’ sehr gut entnehmen, wo und wie früh Freiheitsbeschneidung beginnt.

Spannend sind auch ihre Ausführungen zur „seelischen Gesundheit“ und zum „Recht auf Krankheit“. Die Schwierigkeiten mit Begriffen wie „psychisch krank“ (nicht gerade ein Türöffner in dieser Gesellschaft) oder gar „seelisch behindert“, die wohl die weitaus meisten Psychiatrie-Erfahrenen haben, bringt sie sehr schön auf den Punkt.

Wohltuend auch ihre ironischen Ausführungen zu schönfärberischen Umbenennungen von Psychiatrien in „Zentren für seelische Gesundheit“ o.Ä. – wo man dann im Extremfall in Handschellen eingeliefert und sofort fixiert wird. Die Hoffnung darf nicht vergeblich sein, dass sich Veränderungen in und an der Psychiatrie nicht in Orwell’schem Newspeak erschöpfen.

Auch finde ich gut, dass Sibylle Prins hier psychische und körperliche Krankheit vergleicht. Und beispielsweise erwähnt, dass auf eine körperliche Krankheit von ihrer Umgebung mit sehr viel mehr Unterstützung, Ermutigung und weniger Druck reagiert wurde.

Im weiteren Verlauf des Textes geht sie auf die Relativität des Normalitätsbegriffes ein. Für Psychiatrie-Erfahrene, die mitunter geradezu inflationär mit diesem Begriff traktiert werden, ist es sehr wohltuend, eine solch differenzierte Betrachtung dazu zu lesen.

Auch die Freizeitgestaltung in psychiatrischen Institutionen nimmt sie aufs Korn, so z.B. die Zwangsverpflichtungen zum Besuch von Ausstellungen und anderen Veranstaltungen, die den Profis eben so ins Konzept passen.

Wichtig auch das Kapitel über biografisches Vorgehen und Ressourcenorientierung. Auch hier empfehle ich den Profis, genau zu lesen und darüber nachzudenken, wo sie vielleicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg handeln. Besonders eindrücklich finde ich den Bericht über die Einbeziehung von Angehörigen in die Behandlung, die keine intensive Bindung an die oder den Betreffenden haben. Die Frage an die PatientInnen, welche Angehörigen einbezogen werden sollen, ist mitnichten überflüssig. Sonst kann es im Extremfall vorkommen (eine Bemerkung von mir), dass die Behandlung z.B. mit TäterInnen abgesprochen wird.

Bei ihren Ausführungen über Ressourcenorientierung spricht Sibylle Prins mir in vielen Fällen aus der Seele: Die Destruktivität einer negativen Prognose – wie viele Psychiatrie-Erfahrene müssen damit fertig werden, ohne dass die Behandelnden über hellseherische Fähigkeiten verfügen! Bei größerer Vorsicht könnte viel Leid vermieden werden.

Weitere Themen sind die Bedeutung von Sprache und die Bedeutung von Zeit in der psychiatrischen Behandlung.

Im Kapitel über Geld spricht sie die finanzielle Situation vieler Psychiatrie-Erfahrener an, die eben nicht rosig ist. Selbst dank eines Arbeitsplatzes besser gestellt, legt sie die Vorzüge des Genug-Geld-Habens – speziell in Krisensituationen – dar. Zuletzt verkneift sie sich dankenswerterweise nicht den Hinweis darauf, wie viele Leistungen Psychiatrie-Erfahrene im Rahmen der Selbsthilfe kostenlos erbringen (wie z.B. Gremienarbeit – die von den Professionellen selbstverständlich im Rahmen bezahlter Arbeitszeit erledigt wird).

Arbeit – ebenfalls ein wichtiges Thema für Psychiatrie- Erfahrene. Sibylle Prins problematisiert das Bild von Arbeit, das von psychiatrisch Tätigen gerne vermittelt wird. Der so postulierte ideelle Wert von Arbeit, die angeblich sinnstiftend, identitätsbildend etc. sein soll, kontrastiert mitunter sehr heftig mit den Tätigkeiten, die in der Psychiatrie angeboten werden, allem voran mit der Industriearbeit. Und auch Coaching für Psychiatrie-Erfahrene ist eine sehr gute Idee.

Im Kapitel über Männer, Frauen, Sexualität und MigrantInnen kommen die Frauen ziemlich kurz. Auch die Situation der MigrantInnen bleibt nur angerissen – wobei ich Sibylle Prins’ Beunruhigung über deren Behandlung nur teilen kann.

Rückmeldungsscheu – ein weiteres Thema – herrscht nach meiner Beobachtung in der Psychiatrie überall. Besonders gut aber gefiel mir im entsprechenden Kapitel der Hinweis auf mangelnde Möglichkeiten zur Akteneinsicht, die schon Einiges an Verfolgungsideen hervorbringen kann.

Ihre Anmerkungen zur Forschung, sowohl Psychiatrie-Erfahrene selbst als auch ihre Angehörigen betreffend, finde ich sehr unterstützenswert. Wichtig auch die Beiträge zu Psychopharmaka, zu Zwang und Gewalt in der Psychiatrie und zu Selbsthilfe und Trialog...

Sibylle Prins spricht viele wichtige Themen an und sie tut dies auf eine kompetente, überzeugende und sprachlich sehr anregende Weise. Ein sehr lesenswertes Buch, dem ich viele LeserInnen – auch und gerade unter Angehörigen und psychiatrischen MitarbeiterInnen wünsche.

Julie Tränkle
Soziale Psychiatrie
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