Rezension - "Jetzt endlich lebe ich richtig"

"Jetzt endlich lebe ich richtig"


"Ein leises und hartnäckiges Trotzdem"

Dies ist das zweite Buch von Sibylle Prins, einer im weitesten Sinne lebenserfahrenen Autorin. Lebenserfahren durch ihre bewegte Biographie, mit vielen schicksalsmäßigen, zwischenmenschlichen und beruflichen Wandlungen, Katastrophen und Neuanfängen; lebenserfahren auch im Blick auf durchlebte, durchlittene Psychosen. Während es in ihrer ersten Veröffentlichung ("Gut, dass wir mal darüber sprechen! – Wortmeldungen einer Psychiatrie-Erfahrenen") fast ausschließlich um Erfahrungen mit der und Gedanken zur Psychiatrie geht, werden in diesem Buch neben weitere autobiographische Fragmente und Reflexionen zu Lebensthemen im Umfeld von Psychiatrie auch poetisch, literarische Texte gestellt. Diese auf den ersten Blick etwas verrückte Mischung verdankt sich meinem Eindruck nach nicht nur dem Mut des Paranus Verlags, sondern auch einem Zuwachs an Mut zu sich selbst auf Seiten der Autorin; Mut nicht nur zur eigenen Biographie, sondern vor allem auch zur Anerkennung der eigenen literarisch, poetischen Begabung. Diese Begabung im Verein mit lebenskluger Nachdenklichkeit in den mehr reflexiven Texten bewirken etwas, was selten geworden ist, Leselust.

Für mich gehört das Buch zu dem "leisesten und harnäckigsten Trotzdem, das ich je gelesen habe." Ich hoffe die Autorin wird mir verzeihen, dass ich sie soeben falsch zitiert habe. Im Original und in einem anderen Zusammenhang heißt es: "Der Engel ist das leiseste und hartnäckigste Trotzdem, das ich je gehört habe."

Am liebsten würde ich weiter zitieren, besonders die eingestreuten, wundervollen Gedichte, aber leider soll ich rezensieren.

Vielleicht fragen sich zukünftige Leser beim Schauen auf den Untertitel, was denn das Verbindende zwischen diesen Geschichten, Glossen, Gedanken und Gedichten sei. Ich meine, dass in allen diesen Stilformen eine Ahnung vom heilen Menschsein pulsiert, Menschsein jenseits selbstzufriedener Normalität, jenseits professioneller Gesund- und Kranksprecherei, jenseits hemdsärmeliger Nur-Gesundheit und jenseits dessen, was die Psychiatrie gewöhnlich in den Blick bekommt.

Ob mehr reflexiv oder mehr poetisch, immer geht es um eine zweite Ebene, das plötzliche Kippen verfestigter Bilder, das Aufzeigen des Vernachlässigten, des Unterbelichteten, des Verborgenen, aber Wirksamen. In den Gedichten geschieht dies eher leise, mit leichten, unauffälligen Wortpirouetten, wie etwa in dem Gedicht mit dem Titel "Poesie":

Es stimmt:

Mit Poesie
kann man keinen Blumentopf gewinnen
Nur die
Blume darin

In den Glossen und Satiren kommen gekonnt Ironie und handfeste paradoxe Übertreibungen zum Zuge, so etwa in "Wir sollen ...", wo nach langer, hellsichtig witziger Aufzählung all der widersprüchlichen, gleichwohl Anpassung erheischenden, gesellschaftlichen Anforderungen am Ende der Seufzer steht "Manchmal kriege ich Sehnsucht nach den 10 Geboten."

Wie soll man das besprechen, das muss man einfach lesen. Auch die "Rat und Schläge für Psychiatrieprofis", mit denen sie selbigen gekonnt und versiert das professionelle Fell über die Ohren zieht, um am Ende brav zu beteuern, dass es ihr heißestes Anliegen sei, diese Spezies vor jeglichen "Selbstwertschwankungen" zu bewahren, gehören zu dieser Stilrichtung.

Ob es sich um die Maschine handelt, mit der man Gedanken lesen kann – ich werde mich hüten ihr genial einfaches Prinzip hier vorschnell zu verraten –, um den Willkommensgruß "beim Ausstieg aus der Wirklichkeit" nach geträumter Irrfahrt, um das weggelaufene Telefon an einem "zerfallenen Tag" oder um den vergeblichen Kampf, mit dem modischen Wechsel politisch korrekter Redeweise Schritt zu halten, immer gelingt es Sibylle Prins eine unterbelichtete Dimension, eine wichtige Wahrheit aufblitzen zu lassen.

In der Anordnung der Texte spiegelt sich der für die Autorin typische Wechsel zwischen Ernsthaftigkeit und Humor, zwischen treffender Kritik und spielerischer Kabarettnummer, zwischen weiser Frau und Kobold. ("Stimmt auch bin eine komische Trulla.") zwischen Verzweiflung ("Mein Leben ist doch verpfuscht...") und Hoffnung ("Jetzt endlich lebe ich richtig.") zwischen der Scheu sich zu zeigen und dem Mut mit der eigenen Biographie öffentlich zu werden.

In vielen Texten wird Biographisches literarisch verfremdet, treffend, zielgenau. So z.B. in der kurzen Glosse "Theater":

"Ich bin in diesem Theaterstück. Unfreiwillig. Niemand hat mich je gefragt. Wurde einfach eines Tages auf die Bühne geschubst und sollte mitspielen... Eines Tages sollte ich eine Verrückte spielen. Hab ich gestreikt. Bin durch die Kulissen geschlüpft und habe nach einem Ausgang gesucht. Vergeblich... Ich hasse absurdes Theater... "

Man muss nicht psychotisch gewesen sein, um sich darin wieder zu finden.

Auch für die zahlreichen reflexiven Texte dieses Bandes gilt: Das Unterbelichtete, das Übersehene wird ans Licht befördert, mit feinem Gespür für die Tatsache, dass es in menschlichen Zusammenhängen kaum eine Wahrheit gibt, für die nicht auch ihr Gegenteil gilt.

Zum Glück hat zwischen der Neigung zu bescheidener Zurückhaltung und dem Wissen, dass sie etwas zu sagen hat, Letzteres nochmals neu und anders die Oberhand behalten. Sibylle Prins hat zu fast allen Themen, die wirklich wichtig sind, Wesentliches zu sagen: zu Himmel und Hölle in Psychosen und anderswo, zu Türen, die sich auftun, wohin man nicht will, zum Aussteigen aus der Selbststigmatisierung, zum Zeiterleben in psychischen Krisen, zur gesunderhaltenden Bedeutung des Nichts-Tuns und zur identitätsstiftenden Bedeutung des Tuns. Damit habe ich längst nicht alles aufgezählt, aber vielleicht angedeutet, welcher Reichtum an Themen zukünftige Leser erwartet.

Ein Buch mit einer gehörigen Prise psychiatrischen Insiderwissens, jedoch weit darüber hinausgehend. "Musste das sein?" fragte die Autorin in der Einleitung zu ihrem ersten Buch zweifelnd, weil sie fand, das meiste sei doch eigentlich selbstverständlich. Zum Glück ist ihr dann noch rechtzeitig aufgefallen, "dass das Selbstverständliche (oder das, was selbstverständlich sein sollte) von psychiatrischer Seite als großartige Neuentdeckung herausgestellt und publiziert wird." Ja, auch dieses Buch musste sein, denn immer noch nicht, vielleicht sogar zunehmend seltener, ist das Selbstverständliche selbstverständlich, geht es um Blumentöpfe statt um die Blumen darin.

Renate Schernus, Bielefeld


Zurück