Rezension

Susanne Konrad, Camilles Schatten. Roman
Verlag Brandes und Apsel, Frankfurt 2005, 120 Seiten

Als Psychose-Erfahrene muss ich mich davor hüten, in der breiteren Öffentlichkeit unter- oder hintergründige Beziehungen herzustellen zwischen Ereignissen, die von allen anderen als „rein zufälliges“ Zusammentreffen angesehen werden. Deshalb werde ich auch nicht erwähnen, dass am Tag, nach dem ich das Buch von Susanne Konrad, „Camilles Schatten“ zu Ende gelesen hatte, in dem die französische Bildhauerin und Rodin-Geliebte Camille Claudel eine nicht unwichtige Rolle spielt, mir ein dicker Wälzer über eben jene Künstlerin ins Haus trudelte. Eine Freundin hatte ihr Bücherregal ausgemistet.Wenigstens kann ich dem im Schlusssatz von Susanne Konrads Buch geäußerten Vorhaben nun ebenfalls nachgehen.

Dieser Roman beginnt in Paris. Die Frauenärztin Dr. Birgit Schindler besucht mit ihrem verheirateten Geliebten das Rodin-Museum, und stößt dort auf die Werke und die Lebensgeschichte von Camille Claudel. Sie ist sehr berührt davon, entwickelt eine Faszination, will mehr über diese Künstlerin wissen. Doch nach Hause zurückgekehrt, entwickelt sich alles ganz unvorhersehbar: der Stress im Beruf, die unglückselige Dreiecksgeschichte, in die sie verwickelt ist, ihre Liebessehnsüchte und das Bewegtsein von der tragischen Geschichte Camille Claudels- Birgit Schindler entwickelt eine Psychose, und landet in der Psychiatrie.Wie ehedem Claudel. Zwar ist die Psychiatrie heute eine andere als zur Zeit von Camille – doch auch die heutige Psychiatrie wird am ehesten und treffendsten mit einem Wort beschrieben: „lieblos“ (S.65). Susanne Konrad gelingt etwas besonderes: in einer sehr klaren, frischen und angenehm lesbaren Sprache , das in Worte zu fassen, worunter wir in der Psychiatrie , in dem Leben nach den Psychosen so sehr leiden, was wir aber kaum in Worte fassen können: die Entpersönlichung, die in und durch die Institution stattfindet, auch wenn man heute nicht mehr in Anstaltskleidung gesteckt wird. Die vielen kleinen Demütigungen. Die Infantilisierung, manchmal sehr subtil. Einfach: das Atmosphärische,das oft Unbenennbare, hier sehr präzise benannt. Und die eigenen Gefühle von Nutzlosigkeit, Minderwertigkeit, Scham. Aber Birgit Schindler – nein, sie erlebt keine großen Wunder. Jedoch Dinge, die sie aufrichten, Mut machen. Zum Beispiel den Kontakt mit der Selbthilfeszene. Ein wenig amüsiert hat es mich ja, Dorothea Buck hier als Romanfigur wieder zu finden, ebenso die Psychose-Seminare mit leicht verändertem Namen. Eine Geschichte, sehr dicht an der heutigen Realität. Natürlich nur eine von den möglichen Realitäten mit und nach Psychosen. Aber eine motivierende. Nachvollziehbar auch für Außenstehende. Das alles in würziger Kürze, ohne aber etwas Wichtiges auszulassen. Besonders gefallen hat mir noch eine weitere Ebene: Psychose, nicht nur als Ausdruck persönlicher, individueller Konflikte und Auseinandersetzungen, sondern als direkter Ausdruck von und Kontakt mit uralten, zugrundeliegenden Menschheitsthemen. Was uns alle im Innersten zusammenhält oder eben auseinanderreißt, kommt in der Psychose an die Oberfläche.Deshalb auch die sich durchziehende Geschichte von Camille Claudel als Lebensmuster, mit dem man sich vergleichen, identifizieren und von dem man sich unterscheiden – kann und soll.

Das Buch wird den „alten Hasen“ der Szene sicherlich gefallen. Ich würde es auch gerne jede/m, der erstmals oder erst kurze Zeit mit Psychiatrie zu tun hat, in die Hand drücken, denn ihnen hat es viel zu sagen, greift die häufig verschwiegenen Gefühle und Erlebnisse auf. Und, wie gesagt, als Einstiegslektüre für völlig „Unbeleckte“ ist es ebenfalls sehr gut geeignet.. Übrigens: das Buch ist außerdem recht spannend, und regt dazu an, es öfter zu lesen.

Sibylle Prins, Bielefeld