Rezension

Vom Aussteigen & Ankommen. Besuche bei Menschen, die ein einfaches Leben wagen.

Jan Grossarth
Vom Aussteigen & Ankommen. Besuche bei Menschen, die ein einfaches Leben wagen.
Riemann Verlag München, 2011

Natürlich war es Absicht, dass ich dieses Buch als Lektüre mitnahm während eines Besuches bei einem ökologisch angehauchten Wohn-und Arbeitsprojekt am Rande von Berlin. Die dort Wohnenden verstehen sich zwar nicht als „Aussteiger“ im Sinne dieses Buches, aber ich konnte schon mal entsprechende Atmosphäre schnuppern, u.a. in dem ich zwei Nächte in einem Bauwagen übernachtete.....die nächsten sanitären Anlagen etwa 100 m. entfernt.....

Jan Grossarth steigt aus, aber nur auf Zeit. Als Redakteur der FAZ nimmt er sich eine Auszeit und besucht Menschen und Gemeinschaften, die das „bürgerliche Normalleben“ und damit oft auch dem Leben in der Stadt eine Absage erteilt haben, und aus unterschiedlichsten Gründen ein anderes Lebensmodell gewählt haben. So besucht er Menschen, die aus finanzieller Not oder aus Überzeugung zu Selbstversorgern im Osten Deutschland wurden, ein Ökodorf, eine esoterische Gemeinschaft in Norditalien, jemanden, der seine Landwirtschaft allein mit Muskelkraft betreibt, den „Stamm der Likatier“ in Süddeutschland, einen Waldmenschen, katholische Ordensgemeinschaften, einen Hausbootbauer und -bewohner, jemanden, der freiwillig ohne Geld und auf der Straße lebt und einige mehr. Manchmal sind die Besuche nur recht kurz, manchmal lebt (und arbeitet) der Autor einige Zeit mit den Besuchten zusammen. Es ist eine sehr kontrastreiche Reise, bis dahin, dass der Verfasser sich von der Verschiedenheit und Radikalität der Lebensentwürfe selbst ein wenig überfordert fühlt. Grossarth nähert sich den Menschen mit Neugier und grundsätzlichem Wohlwollen, aber auch mit einer gehörigen Portion Skepsis. Schließlich ist er ja zu Hause in der Welt, von der seine Gesprächspartner/innen sich gerade abgewandt haben. Einerseits tut es den beschriebenen Einzelpersonen und Gruppen vielleicht ganz gut, dieser kritische Blick von außen, denn es treten bei ihnen manchmal doch recht extreme und daneben noch fanatisch vertretene Überzeugungen ans Licht. Andererseits kann man sich fragen, ob die Menschen, die er besucht, von Grossarth nicht auch ein bisschen „vorgeführt“ werden. Vielleicht liegt das aber auch an der journalistischen Machart des Buches. Man muss Grossarth jedoch zugute halten, dass er im Kontakt mit den „Aussteigern“ genauso kritisch auf die bürgerliche „Reihenhauswelt“ blickt, aus der er stammt. Auffällig ist jedoch, dass Grossarth mit den religiös/ spirituell orientierten Aussteigern wohl am wenigsten anfangen kann.

Fast allen diesen „alternativen“ Lebenskonzepten gemeinsam ist der materielle Verzicht. Dazu gehört oft auch der Verzicht auf „normale“ Absicherungen, wie etwa eine Krankenversicherung. Auch Grossarth hat für die Dauer seiner Reise die Krankenversicherung gekündigt, und wird teilweise über längere Strecken von wiederkehrenden Zahnschmerzen geplagt. Verzicht also auf materielle Güter, teilweise auf Privateigentum überhaupt, auf „gewohntem“ Komfort. Dafür häufig viel körperlich anstrengende Arbeit, in den Gemeinschaften oft strenge Regeln, und nicht selten der Verzicht auf Partnerschaft und Familie. Da die Lebensform jedoch meist frei und aus Überzeugung, ja Leidenschaft gewählt wurde, wird das nicht als schmerzhafter Verlust empfunden (zumindest äußert sich kaum jemand in dieser Hinsicht).

Was mir noch auffiel ist, dass in dem Buch bis auf einen frühverrenteten Polizisten kaum Menschen mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen vorkommen. Muss man also ziemlich fit sein, um so ein Aussteigerleben „durchzuziehen“? Scheint so. An manchen Stellen grübelt Grossarth darüber nach, ob sein Gesprächspartner „verrückt“ sei. Er meint es aber nicht im psychiatrischen Sinn. Eine Verbindung zur Psychiatrie wird auf ganz andere Weise hergestellt: der Autor liest unterwegs Foucaults „Wahnsinn und Gesellschaft“ und findet darin manchmal passende Passagen. Dieses Buch steht schon lange ungelesen in meinem Bücherschrank, ich sollte wohl endlich damit anfangen. Wer lieber spannende praktische Abenteuer mag und gern unterschiedliche Lebensstile kennenlernt (vielleicht auch Anregungen für eigene Veränderungen sucht) ist mit „Aussteigen und Ankommen“ gut bedient.

Sibylle Prins, Bielefeld