Rezension

Psychiatriegeschichte live

Für viele ist eine psychiatrische Klinik heute noch ein düsterer Ort. Wie düster diese Einrichtungen aber früher gewesen sind, kann man „hautnah“ nachlesen in dieser Reportage aus dem Jahr 1887. Die junge Reporterin Nellie Bly (ein Pseudonym, weil Journalistinnen damals nicht unter ihrem eigenen Namen publizieren durften) erhält von der Zeitung „New York World“ die Anfrage, ob sie sich „undercover“ nach Blackwell’s Island, einer Irrenanstalt für mittellose Frauen, einschleusen lassen würde, um über das Leben in der Anstalt zu berichten. Nellie Bly ist unerschrocken und sagt sofort zu – obwohl sie keine Ahnung hat, wie sie sich als „Wahnsinnige“ verhalten müsste, um dort aufgenommen zu werden. Zudem räumt sie ein, dass sie das Leben der ärmeren Bevölkerungsschichten nicht kennt. Zunächst sucht sie unter dem Namen „Nellie Brown“ Unterschlupf in einem Behelfsheim für Arbeiterinnen und verhält sich dort so auffällig, dass man sie nicht länger dabehalten will. Über diesen Umweg kommt sie tatsächlich nach Blackwell’s Island.

Dort herrschen fürchterliche Zustände: besonders leiden alle Insassinnen unter der Kälte – die Räume werden nicht beheizt, und das Pflegepersonal weigert sich, den Patientinnen wärmere Kleidung zu geben. Das Essen ist verdorben und völlig ungenießbar, sodass etliche lieber hungern als das Vorgesetzte zu essen. Die Pflegerinnen machen sich einen Spaß daraus, die Patientinnen zu schikanieren, Prügel und sogar Gewürgtwerden sind an der Tagesordnung. Die Patientinnen müssen den ganzen Tag stillsitzend auf harten Bänken verbringen, und als „hygienische Maßnahme“ werden sie zur Begrüßung in ein eiskaltes Bad getaucht. Nellie Bly verliert auch vollkommen das Vertrauen in die Ärzte – denn nach ihrer Aufnahme verhält sie sich völlig normal, sodass eigentlich keine Diagnose mehr erfolgen könnte. Sie findet dort auch andere Frauen vor, die nach ihrer Einschätzung keineswegs „psychisch krank“ sind, sondern auf die eine oder andere Weise in eine schwierige Lage geraten sind und dann dorthin eingewiesen wurden, weil sie niemanden hatten, der sich um sie kümmerte (was mich daran erinnert, dass ja auch heute noch soziale Probleme oft genug in die Psychiatrie abgeschoben werden).

Dabei stellt Nellie Bly das Krankheitskonzept keineswegs grundsätzlich infrage, einige der Frauen schildert sie als „geisteskrank“ oder „irrsinnig“ – eine für heutige Leser/innen sicherlich gewöhnungsbedürftige Sprache. Bly ist aber entsetzt, dass man gerade mit diesen „armen Unglücklichen“ so umgeht.

„Nellie Brown“ erweckt als geheimnisvolle Unbekannte, die in die Psychiatrie kam, ein gewisses Medieninteresse, und Neugierige fahren zur Anstalt, um sie zu „besichtigen“ – das scheint nicht unüblich gewesen zu sein – und Bly fürchtet schon um ihre Tarnung. Nach zehn Tagen wird sie mit Hilfe ihres Anwalts aus der Anstalt befreit. Ihr Bericht, der nun erstmals (warum eigentlich?) in deutscher Sprache vorliegt, erregt großes Aufsehen – eine Kommission inspiziert daraufhin die Anstalt, allerdings hat man dort schnell die allerschlimmsten Zustände geändert, und diejenigen Patientinnen aus Blys Bericht, die Auskunft geben könnten, plötzlich entlassen oder verlegt – trotzdem werden nun zusätzliche Gelder für die Versorgung der Kranken bewilligt.

Mit ihrer lebensnahen Reportage läutet Bly eine neue Entwicklung des investigativen Journalismus in Amerika ein – junge Reporterinnen, die sog. „Stunt-Girls“ lassen sich in Armenhäuser, Fabriken etc. einschleusen, um über die Lebensbedingungen der „unteren Klassen“ zu berichten. Dies und anderes erfährt man aus den informativen Anhängen im Buch, in denen u.a. Nellie Blys Lebensweg, die Entwicklung des Journalismus in Amerika und die Geschichte der Psychiatrie dargestellt sind.

Vielleicht wird der eine oder andere Psychiatriegeschädigte vorschnell sagen, bis heute habe sich nichts geändert. Dem möchte ich angesichts dieses Berichts dann doch widersprechen. Das Problem der Zwangsanwendung und der nicht immer sicheren Diagnosen ist wohl geblieben. Mir gehen aber Berichte nach über ausländische Psychiatrien, z.B. aus einigen Ländern in Osteuropa, in denen beklagt wird, man habe nicht genug Decken für die Patienten oder nicht genug Essen. Ich traf mal einen Vertreter der Psychiatrie-Erfahrenen aus der Ukraine. Im Gegensatz zu manchen Betroffenenvertretern bei uns, die medikamentöse Behandlung vielleicht abschaffen möchten, berichtete er, dass in der Ukraine die Patienten oft gar nicht an (die von ihnen gewollten) Medikamente herankämen: sie müssen sie teuer selbst bezahlen, was sie oft nicht können, und zusätzlich noch Schmiergelder ... also andere Probleme als hierzulande.

Nellie Blys engagierter Bericht ist „Psychiatriegeschichte live“ und außerdem ein spannendes Abenteuer. Sehr zu empfehlen!

Sibylle Prins

NELLIE BLY: Zehn Tage im Irrenhaus. Undercover in der Psychiatrie. Berlin, Aviva-Verlag, 2011. 190 Seiten, 18,50 Euro