Rezension

Dorothea Buck u.a.:
Der Gartenhaus-Briefwechsel
Paranus-Verlag, Neumünster 2015

Wer meint, er/sie wisse und kenne schon alles, was Dorothea Buck zu sagen hat, dem sei dieses wunderbare Buch empfohlen. Es handelt sich um ausgewählte Beispiele ihrer Korrespondenz seit Erscheinen ihres Buches „Auf der Spur des Morgensterns. Psychose als Selbstfindung“ bis zum Jahr 2000. Abgedruckt sind nicht ihre „offiziellen“ Briefe, etwa an Politiker, Einrichtungs- und Verbandsvorstände oder Kirchenfunktionäre, sondern vielmehr Briefe von Leser/innen, Zuhörer/innen bei ihren Vorträgen, Menschen, denen sie begegnete – die Zuschriften sind trialogisch, d.h. ihr schreiben sowohl Psychiatrie-Erfahrene wie auch Angehörige und (angehende) Mitarbeiter/innen der Psychiatrie- und D. Bucks Antworten auf diese Briefe. Geschrieben in Zeiten, als solche Korrespondenz noch nicht per Mail stattfand. Der Untertitel „Der Gartenhaus-Briefwechsel“ bezieht sich übrigens auf Dorothea Bucks damalige und langjährige Wohnung in einem kleinen Gartenhaus.Es geht in den Zuschriften um sehr persönliche Fragen von Psychiatrie-Erfahrenen, beispielsweise wie sie mit einer (ungeliebten) gesetzlichen Betreuung umgehen sollen, wie sie ihre Erfahrungen in der Psychose oder in der Psychiatrie verarbeiten können, darum, wie das Sorgerecht für ein Kind behalten oder wiedererlangt werden kann, um Lebensplanung (was fange ich an mit meinem Leben) , um die Unsicherheit und Verzweiflung von Angehörigen, um politische und Glaubensfragen im Zusammenhang mit der Psychose und/oder der Psychiatrie. Dorothea Bucks Briefe, immer persönlich und solidarisch, geben Einblick in ihren großen inneren Reichtum: ihren Reichtum an Ideen und Bildern, ihren Reichtum an Lebenserfahrung, Reichtum an gesellschaftlichem und politischem Engagement, wie auch ihre so natürliche, keineswegs konventionell wirkende Religiosität, ihre große Herzlichkeit, ihre menschliche Wärme und Zuwendung zu jedem/jeder Einzelnen. Und sie traut sich den Briefpartnern ganz konkrete Ratschläge für ihre Situation zu geben, wobei sie den Empfängern mit Hoffnung und verständnisvoll begegnet, ihnen aber nicht nach dem Munde redet und auch offen sagt, was sie falsch findet. Selbstverständlich kommen ihre bereits bekannten Ansichten vor, etwa, dass Psychose-Inhalte besprochen und verarbeitet und nicht bloß medikamentös unterdrückt werden sollen. Sie sind hier jedesmal in einen sehr individuellen Kontext gestellt, immer wieder überzeugend (auch wenn das vielleicht nicht für alle der Weg ist), und es wird einmal mehr deutlich, dass die Verfasserin dieser so persönlichen Briefe zwar feste Überzeugungen hat, aber keine Ideologin ist.

Aber nicht nur Dorothea Buck wird in diesen Briefwechseln sichtbar: sichtbar werden auch die vielen, zum Teil tief verunsicherten Psychose-Erfahrenen und Angehörigen. An deren Bedürfnissen die Psychiatrie offenbar immer noch vorbeigeht. Von professioneller Seite wird dieser Vorwurf oft abgewehrt mit dem Argument, dieser Eindruck beruhe auf der „Ahnungslosigkeit“ der Betroffenen und Angehörigen, der man dann mittels sog. „Psychoedukation“ abzuhelfen versuche oder eben auf „mangelnder Krankheitseinsicht“. Wer die hier abgedruckten Briefe aufmerksam liest, wird merken, dass das höchstens einen kleinen Teil des Problems ausmachen kann. Auch insofern lohnt die Lektüre.

Ich freue mich sehr, dass Dorothea, die dieses Frühjahr 99 Jahre alt wird, die Veröffentlichung dieses Buches noch erlebt. Eine sehr schöne und lesenswerte Würdigung ihres beispiellosen Engagements und ihres unermüdlichen Einsatzes für die Psychiatrie-Erfahrenen und eine menschenwürdige Psychiatrie. Danke, Dorothea!


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