Rezension

Selajdin Gashi: Schlaflos mit Kleopatra. Mein erster psychotischer Schub und was danach geschah.
Paranus-Verlag Neumünster 2015, 14,95 €

„Oh nein“, dachte ich beim allerersten Anlesen dieses Buches, „nicht schon wieder ein Erfahrungsbericht eines Psychotikers, der fünftausenddreihundertachtundvierzigste, den ich (gefühlt) lese – ich kann das nicht mehr, das kenne ich schon in allen Varianten, muss das sein?“ Doch schon bald merkte ich, dass ich im Irrtum war. Diese Kapitel und Beschreibungen eines ersten psychotischen Schubes eines jungen Mannes, der mit veränderter Wahrnehmung und veränderten Gedanken in einem gemeinsamen Urlaub mit der Freundin beginnt, sind mitnichten einfach nur „aufgeschrieben“. Das ist alles fein säuberlich durchkomponiert, die Reflexionen, die in einer sehr lesbaren, klaren und einfach erscheinenden Sprache daherkommen, sind gründlich durchgearbeitet. Es ist zwar geschrieben aus der Perspektive des sehr jungen Mannes, aber dahinter steckt doch ein schon gereifterer Mensch. Allmählich geriet ich beim Lesen in den Sog dieses Buches, las es an einem Samstagnachmittag und Sonntagvormittag in einem durch. Ja, es ist ein Erfahrungsbericht – aber was für ein durchdachter und literarisch bearbeiteter! Natürlich fühlte ich mich in vielen Punkten in eigenen Erlebnissen berührt, zum Beispiel das veränderte Zeiterleben in der Psychose oder das Gefühl der tiefen, ja mystischen Schau. Andere Psychose-Erfahrene werden, da bin ich sicher, auch Bekanntes wiederfinden. Der Protagonist landet, wie es anscheinend unumgänglich ist, auch in der Psychiatrie, wo, wen wundert es, das Beste dort die Mitpatienten sind. Aber er hütet sich, bei allem, was ihn danach drängen könnte, nun die „Normalität“ oder die Psychiatrie völlig zu verteufeln, auch da ist eine, mitunter sanft (selbst-) ironische gründliche Reflexion am Werk. Verwoben in die erzählte Geschichte – die ich eher als autobiografischen Roman denn als reinen Erfahrungsbericht sehen würde - sind noch eine (oder eigentlich zwei) Liebesgeschichten sowie die Auseinandersetzung des Autors mit dem Verlassen seiner Heimat in Albanien. Auch das stimmig eingearbeitet. Und es ist auch ein ziemlich philosophisches Buch – der Autor hat zwar auch Philosophie studiert, aber sie kommt hier weder akademisch daher, noch hatte ich das Gefühl, da verstiege sich ein Psychose-Erfahrener in philosophische Höhen, die er eigentlich nicht beherrscht, sondern es ist eine Auseinandersetzung mit Themen wie „Verrücktsein“ oder „Stigma“ , Selbstentfremdung und Selbstfindung, die alte Frage „wer bin ich?“auf einem alltäglichen, verständlichen, und dann doch wieder gehobenen Niveau. Nach der Lektüre bin ich mir sicher, dass ich das Buch wieder einmal lesen werde, was selten vorkommt. Und ich hoffe, dass es von diesem Autor noch mehr Bücher gibt oder geben wird!


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