Rezension

Die wahre Geschichte eines Mannes, der seinen Vater getötet hat.

Matthias Illigen
Ich oder ich. Die wahre Geschichte eines Mannes, der seinen Vater getötet hat.
edition a, Wien 2011

Dieses Buch wird leider teilweise sensationslüstern beworben. So empfand ich die Fragen des SWR-Reporters in einem Interview* mit dem Autor, über das ich erstmals auf dieses Buch aufmerksam wurde. So empfinde ich auch den Klappentext. Schade. Das Buch hat es weder nötig noch verdient.

Alles fängt ganz harmlos in einem akademischen Alltag an: Mathias Illigen ist Teilnehmer eines Doktoranden-Seminars bei dem berühmten Philosophen Peter Sloterdijk. Dieser wird nicht nur namentlich genannt, sondern auch noch liebevoll-ironisch beschrieben. Aus der Rückschau, versteht sich, denn zu dem Zeitpunkt, an dem das Buch beginnt, ist Illigen ein glühender Verehrer Sloterdijks. Irgendwie auch emotional von ihm abhängig. Sowas kommt in den besten akademischen Kreisen vor. Auch, dass er irgendwann glaubt, Sloterdijk meine ihn mit kleinen Zwischenbemerkungen, Blicken, Gesten etc. ganz besonders, ist noch nicht sehr auffällig. Aber die Entwicklung geht weiter. Der Autor glaubt dann, der Philosophie-Professor habe was ganz Besonderes mit ihm vor. Dieses Gefühl schlägt um in die Auffassung, Opfer einer akademischen Intrige zu sein.Die zunächst nur auf Sloterdijk bezogene Idee weitet sich immer mehr aus, mündet schließlich darin, dass Illigen sich in eine Verschwörung geradezu kosmischen Ausmaßes verwickelt sieht, bei der nicht nur sein Überleben, sondern das der ganzen Menschheit auf dem Spiel steht. Irgendwann schleppt ihn zwar jemand zum Psychiater, der aber außer der Verschreibung von ein paar Pillen keinen Anlass zur Besorgnis sieht. Illigen gerät immer tiefer in seinen, wie er es später nennt, „psychotischen Rausch“ hinein. Auch als Leser/in kann man sich dem Sog des sehr anschaulich und spannend geschilderten psychotischen Geschehens kaum entziehen. Für Menschen, die viel Angst vor ihren eigenen psychotischen Gedanken haben, oder denen ihre Psychosen noch sehr nahe sind, ist diese Lektüre vielleicht nicht so zu empfehlen. Illigens Leben gerät immer mehr aus den Fugen, er reist sogar nach Rom, um den Papst vor der Machtübernahme durch die Satansiten zu warnen. Auf dem Rückweg von Italien telefoniert er mit seinem Vater in Österreich. Dabei wird ihm plötzlich „klar“, dass ein Vater, zu dem er, soweit man liest, gar keinen sehr engen Kontatk mehr hatte, hinter all dem steckt. Er reist nach Hause, zu seinem Elternhaus. Dort interpretiert er alles, was sein Vater tut und sagt, als Zeichen dieser Verschwörung. So dass er schließlich seinen Vater tötet. Er wird nach einiger Zeit aufgegriffen und in die Psychiatrie gebracht. Er glaubt immer noch, dass sich jetzt die ganze Verschwörung auflösen würde, er das Richtige getan hat. Die Verschwörung löst sich auch nach und nach auf, aber anders, als Illigen sich vorgestellt hat. Die Psychose klingt ab, und er wird sich bewusst, dass die Motive für seine Tat keinen realen und rechtfertigenden Hintergrund haben. Dass das, was er erlebte, als psychische Krankheit gedeutet wird. Und dass er seinen Vater getötet hat. Er muss sich nun mit der ganzen Tragweite seiner Tat auseinandersetzen, und mit der Unterbringung im Maßregelvollzug.

Illigen schildert die Begebenheiten und sein Erleben minutiös, aber nicht glorifizierend. Er blickt auf sich selbst sachlich, manchmal mit einem Anflug von Ironie, und nicht mit Selbstmitleid, wohl aber mit Mitgefühl für sich selbst und die tragischen Verstrickungen, in die er gerät. So, aber dann zunehmend mit mehr Selbstbewusstsein, geht es auch im zweiten Teil des Buches weiter, in dem er seine Zeit im Maßregelvollzug (Österreichisch: Maßnahmenvollzug) und seine Freilassung nach relativ kurzer Zeit (4 Jahre) schildert. Ein bisschen wie in einem billigen Film ist der Moment, als er sich in der Forensik in eine Psychologie-Praktikantin verliebt, und diese, trotz des strikten Beziehungsverbots seine Liebe erwidert, was ihm Kraft gibt, die Zeit der Internierung durchzuhalten. Aber das Leben ist natürlich oft genug wie ein billiger Film. Manchmal wird man sich an die Sprachregelungen des Autors gewöhnen müssen. So übernimmt er durchaus den in Österreich gebräuchlichen juristischen Terminus „geistig abnorme Rechtsbrecher“, und spricht lieber von Schizophrenie als von Psychose, weil ihm letzterer Begriff zwar politisch korrekter erscheint, ihm aber zu verharmlosend ist. Auch wird klar, dass andere Forensik-Patienten durchaus anders auf ihr Schicksal und die Forensik schauen, als er das tut.

Man kann diesem Buch natürlich Fragen stellen: zur tieferen Ursache seiner psychotischen Krise gibt es eigentlich nur wenige biografische Andeutungen.Und warum Illigen diese Geschichte als Buch veröffentlicht, kann man ebenso fragen. Ich denke, es ist ein wichtiges Buch. Wir regen uns immer darüber auf, wenn die Presse über derartige Vorfälle berichtet. Falls überhaupt Hintergründe berichtet werden, kommen sie so gut wie nie von den Betroffenen. Hier ist endlich jemand, der seine Geschichte selbst erzählt. Zwar nur ein Einzelbeispiel, aber ich kenne durchaus auch Menschen mit einem ähnlichen Schicksal. Das Buch könnte helfen, hier ein Gegengewicht zu den Bildern von „unbegreifbaren Monstern“, die so etwas tun, zu setzen. Ein ehrliches Buch, ein starkes und mutiges Buch!

*Ein weiteres Interview mit Illigen kann man sich bei YouTube ansehen.

Sibylle Prins, Bielefeld