Rezension

Besser als trockene Wissenschaft

Bettina Jahnke
EX-IN Kulturlandschaften – Zwölf Gespräche zur Frage: Wie gelingt Inklusion?,

Mit einem Vorwort von Jörg Utschakowski.
Neumünster, Paranus Verlag, 2014, 200 Seiten, 19,95 Euro

Bettina Jahnke, Fachjournalistin und EX-IN Absolventin sowie -Trainerin hat sich im sozialpsychiatrischen Bereich schon bekannt gemacht mit ihrem Buch über EX-IN „Vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen“, in dem EX-IN Teilnehmer/innen auf anschauliche und berührende Weise über ihre Erfahrungen mit dieser Weiterbildung berichten. In ihrem neuen Buch „EX-IN Kulturlandschaften“ weitet sie diesen Blick. Doch Halt!, was heißt hier eigentlich „Landschaften“? Damit verbinde ich eher weite, zusammenhängende Flächen. Ist EX-IN wirklich schon so weit gediehen? Oder ist es noch im Status der vielen kleinen Inseln, von denen einige allerdings markante Leuchttürme vorzuweisen haben? Doch vor dem Wort Landschaft steht ja noch „Kultur“. Das kann ich aus eigener Anschauung bestätigen, dass EX-IN wirklich eine eigene Kultur hervorbringt und gestaltet. Eine beeindruckende Kultur. Die nicht nur innerhalb der Kurse erblüht, sondern die auch Teams und Einrichtungen und eben auch Landschaften, die mit EX-IN zu tun haben, verändert.

Und genau darum geht es in diesem Buch. In zwölf Gesprächen kommen EX-IN Initiator/inn/en, Förderer, Selbsthilfeaktivisten und, ganz wichtig, etliche Arbeitgeber, die erste Erfahrungen mit EX-IN Absolventen in ihren Einrichtungen gesammelt haben, zu Wort. Im Untertitel des Buches wird schon das Hauptthema der Gespräche deutlich: Wie gelingt Inklusion? Wobei in den Gesprächen erkennbar wird, dass unter „Inklusion“ Unterschiedliches verstanden wird. Ebenso wie unter der Idee des „Inklusionsbeauftragten“, nach der Bettina Jahnke ihre Gesprächspartner regelmäßig fragt. Interessant ist ebenfalls dass die Gesprächspartner unabhängig voneinander manchmal die gleichen Fragen oder Themen auf den Tisch bringen, dass es aber auch unterschiedliche Positionen gibt, zum Beispiel bei der Frage, ob ein eigenständiges Berufsbild des „Genesungsbegleiters“ etabliert werden solle.

Überhaupt, dieses Buch eignet sich nicht nur sehr für Leser/innen, die sich sowieso der EX-IN Idee verbunden fühlen, sondern genausogut für Skeptiker und eventuelle Kritiker: bei allem grundsätzlichen Wohlwollen bis Enthusiasmus, den die Gesprächspartner an den Tag legen – es ist keineswegs ein einseitiges „Jubelbuch“ entstanden. Nahezu alle Einwände, Vorbehalte, Befürchtungen, die man gegenüber EX-IN und der Einstellung von Absolventen im psychiatrischen Bereich vorbringen kann, aber auch konkrete positive wie negative Erfahrungen mit eingestellten EX-INlern werden benannt und bearbeitet. Dadurch, dass Frau Jahnke die Gesprächsform gewählt hat, liest sich das Buch sehr kurzweilig, bei aller ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema. Es gibt in diesem Sachbuch sogar lustige Stellen! So motiviert das Buch, EX-IN weiterzufördern und voranzutreiben.

Ich dachte vor der Lektüre, das Wichtigste, was EX-IN noch fehlte, sei eine gründliche wissenschaftliche Evaluation. Die ist mir auch weiterhin wichtig. Dieses Buch aber ist vielleicht sogar besser als eine wissenschaftliche Untersuchung, weil es lebendiger, lesbarer und sehr viel praxisnäher ist als eine trockene Studie mit Signifikanzzahlen. Dass das gelungen ist, ist sicherlich in besonderem Maße der Doppelqualifikation von Bettina Jahnke als Journalistin und Erfahrungsexpertin zu verdanken. Für alle, die diese spannende Entwicklung in der Sozialpsychiatrie verfolgen wollen, ist dieses Buch ein „must read“!

Sibylle Prins, Bielefeld