Katharine Noel:
Unerwartet schöne Tage

Rezension von Sibylle Prins

Einen amerikanischen Debüt-Seller zu besprechen, ist auch mal was anderes. Katharine Noel beschreibt in ihrem spannenden Familienroman „Unerwartet schöne Tage“ die Geschichte einer gutbürgerlichen amerikanischen Familie, deren älteste Tochter Angie, Top-Schülerin, Top-Schwimmerin, mit 17 Jahren manisch depressiv erkrankt. Die Geschichte wird wechselnd aus Angies Perspektive und der der anderen Familienmitglieder erzählt. Anrührend und tragisch die Versuche von Angie und ihrer Familie, nach ihrem ersten Klinikaufenthalt und der Zeit auf einem therapeutischen Bauernhof wieder an das vorangegangene Leben anzuknüpfen, alles wieder „wie früher“ werden zu lassen. Die Unsicherheit und Befangenheit von Angie, sich mit ihren alten Schulkamerad/innen zu treffen, an Parties teilzunehmen, mühsam das Schwimmtraining wieder aufzunehmen. Aber auch die Unsicherheit der anderen- darf/soll man näher nachfragen, was darf man noch sagen in dieser Situation?

Durch Angies Erkrankung angestoßen – nicht immer direkt dadurch verursacht- , zerbröselt langsam das bis dahin geordnete und halbwegs heile Familienleben- besser gesagt, die Familienmitglieder erkennen, was ihnen wirklich wichtig ist. Interessanterweise sind das zum Teil gerade auch die Beziehungen zueinander bzw. zu neuen Partner/innen. Verwoben mit der Geschichte der Erkrankung und Psychiatrisierung der Tochter vollzieht sich auch das Älterwerden, die schließliche Trennung und vorsichtige Wiederannäherung des Elternpaares und das Erwachsenwerden der beiden Kinder- das sonstige Leben geht ja weiter.

Ich fand Angies Perspektive , ihr Changieren zwischen der „Psycho-Szene“ und deren Jargon („Medis“) und der „normalen Welt“, ihre Unsicherheiten, wie man darin von seiner eigenen Psychiatrieerfahrung sprechen kann oder nicht, recht gut getroffen, im Verlaufe des Buches bekommt man allerdings den Eindruck, ihr jüngerer Bruder Luke, den sie gegen Ende als ihren „einzigen und besten Freund“ bezeichnet, sei die eigentliche Hauptfigur des Romans. Aus dem Klappentext geht hervor, dass die Autorin selbst einige Zeit als Betreuerin in einem Projekt für psychisch Kranke gearbeitet hat. Schade fand ich nur, dass Angies sämtliche Mitpatienten/Mitbewohner fast ausschließlich negativ gezeichnet werden. Dafür gibt es interessante Einblicke in den US-amerikanischen Alltag sowie in das psychiatrische System. Neben nur wenigen Einzelheiten aus psychiatrischen Kliniken erstaunte mich, dass in den therapeutischen Wohngemeinschaften als Tagesstrukturmaßnahme offenbar eine (gering bezahlte) Arbeit in „normalen“ Betrieben üblich war- also keine Sonder-Arbeitseinrichtungen! Nur am Rande wird erwähnt, dass Angies Familie einen großen Teil der Therapiekosten (Klinik, Psychotherapie, therapeutische Wohngemeinschaften) selbst bezahlen muss.

Eine Familiengeschichte rundum eine psychische Erkrankung, die ohne Schuldzuweisungen in die eine oder andere Richtung auskommt. Einfach etwas, was passiert,und das Leben aller Beteiligten in eine andere Richtung lenkt, sie zur Auseinandersetzung zwingt. Eine „Erklärung“ für Angies Erkrankung wird allerdings nicht gefunden, man scheint sich da auf die Hirnstoffwechselthese herauszureden, entsprechend spielen Medikamente eine Rolle. Ein Roman ferner, in dem Gegenstände und Rituale des Alltags vorkommen- der Rasenmäher, die Haarbürste im Handschuhfach, der ausgeleierte Pullover, der kaputte Kühlschrank, das gemeinsame Essen, die Orchesterprobe. Das Buch endet auch mit einer Rückkehr in einen für alle halbwegs wünschbaren Alltag. Es ist gut und flüssig zu lesen, stellenweise mit Witz, aber auch mit dem nötigen Ernst. Und viel Zärtlichkeit! Empfehlenswert, unterhaltsam und durchaus mutmachend ist dieses Buch für alle Leser/innen, besonders aber auch für solche die noch nie mit psychischer Erkrankung und ihren Folgen zu tun hatten.

Sibylle Prins

Katharine Noel,
Unerwartet schöne Tage.
Kiepenheuer und Witsch,
2007,
ISBN 978-3-462-03938-2


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