Stavors Mentzos/Alois Münch (Hg):
Psychose und Literatur

Rezension von Sibylle Prins

Auf nur 106 Seiten kann man natürlich das Thema "Psychose und Literatur" nicht umfassend oder vertiefend behandeln. Die von Stavros Mentzos und Alois Münch herausgegebene kleine Aufsatzsammlung in der Reihe "Forum der psychoanalytischen Psychosentherapie" ist allerdings geeignet, den Appetit anzuregen. Den Auftakt macht Stavros Mentzos mit einem Beitrag über Psychose und Kreativität- ein Thema, das viele umtreibt. Der Autor entwickelt ein eigentlich einfaches, aber einleuchtendes Modell über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser beiden Phänomene und leitet daraus auch den besonderen therapeutischen Wert künstlerischer bzw. kreativer Tätigkeiten für Menschen mit Psychosen logisch her. Quasi als Illustration seiner Thesen folgt darauf ein Bericht von Leo Navratil über einen langjährigen Patienten, Ernst Herbeck, der auf Aufforderung bemerkenswerte Gedichte schrieb, die auch veröffentlicht wurden und sein Leben veränderten. Für die psychiatrie-erfahrene Rezensentin bleiben allerdings auch in den Ausführungen des von ihr geschätzten Psychiaters Navratil einige Fragen offen. Mit dem "Versuch einer Psychoanalyse des Stils von Thomas Bernhard" von Annegret Mahler-Bungers geht es dann weiter. Zum Glück für nicht-Bernhard-belesene Leser/innen werden Mahler-Bungers Thesen durch Textpassagen von Bernhard verdeutlicht. Besonders interessant sind die sprachpsychologischen Untersuchungen. Wer die Psychoanalyse von vornherein für die zumindest literarisch interessanteste Richtung der psychologischen Deutungen hält, liest das Ganze sowieso in einem Zug weg. Wer diesen Standpunkt nicht innehat, oder mal kurz davon abrückt, wird sich vielleicht die Augen reiben und verwundert fragen, weshalb die deutlich erkennbar ambivalente Haltung von Thomas Bernhard zu Wort und Sprache ein Ersatz bzw. Verarbeitung seiner Beziehung zu seinem Großvater mütterlicherseits sein soll. Grenzt das nicht schon an magisches Denken? Ach ja, die Psychoanalyse.....Noch tiefer in diese Materie steigt Benigna Gerisch ein mit "Psychoanalytischen Betrachtungen zum Motiv des Ausseinanderfallens und Zusammenfügens im Werk Ingeborg Bachmanns". Grob zusammengefaßt:: auf der einen Seite der Tod (das Auseinanderfallen), auf der anderen Seite die (nichtrealisierbare) Vorstellung der Erlösung durch eine Liebe, die überirdischen Ansprüchen genügen müßte. Irritierend erscheint mir bloß, dass hier literarische (Ich-) Figuren in Bachmanns Texten bruchlos mit der Persönlichkeit der Schriftstellerin Bachmann gleichgesetzt werden. Hans Schultze-Jena setzt sich anschließend mit dem bekannten Roman von Hannah Green, "Ich habe Dir nie einen Rosengarten versprochen" auseinander. Neben dieser auf einer realen Erfahrung beruhendem Erzählung zieht er zudem noch die Aufzeichnungen der im Roman beschriebenen Ärztin, in der Realität Frieda Fromm - Reichmann, zu Rate sowie einige Äußerungen der Romanautorin zu späteren Zeitpunkten. Dadurch gewinnen die Überlegungen eine besondere Spannung, und werfen noch einmal ganz neue Schlaglichter auf die bekannte Erzählung. Bedenkenswert auch Schultze-Jenas Beobachtungen zum "therapeutischen Wir", und die Reflexionen zu Herbert Rosenfelds Thesen zur Psychodynamik psychotischer Wahnwelten. Insbesondere auch dessen Abkehr von allzustark konfrontierenden Therapiemethoden. Die Aufsatzreihe beschließt Christian Scharfetter mit einigen komplexen und komprimierten Gedanken zum Thema "Nähe und Ferne in der Psychotherapie".

Der letzte Teil des Buches besteht aus einer Rezension, einer Liste von Rezensionsvorschlägen (?), zwei Gedichten von Ernst Herbeck sowie dem Autorenverzeichnis. Diese Zusammenstellung ist wohl ebenfalls als Anregung gedacht, auf mich wirkte sie etwas zusammengewürfelt.

Man muss sich bei diesem Büchlein darauf gefaßt machen, in einigen - nicht allen - Texten massiv mit psychoanalytischer Fachsprache und Gedankengut konfrontiert zu werden. Ansonsten - und für manchen vielleicht deswegen - macht es Lust auf mehr.

 

Stavors Mentzos/Alois Münch (Hg)

Psychose und Literatur

Göttingen, 2004

Verlag Vandenhoeck und Ruprecht


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