Monika Laupus:
Die vierte Wirklichkeit.
Eine Seele ver-rückt nach Frankreich.

Verrückt nach Frankreich

Rezension von Sibylle Prins

Auf das Buch von Monika Laupus "Die vierte Wirklichkeit" war ich allein schon wegen des Untertitels "Eine Seele ver-rückt nach Frankreich" neugierig. Ich kenne auch Psychose-Erfahrene mit einer besonders tiefen Neigung zu diesem Nachbarland. War nicht Paris außerdem das einzige Antidepressivum, da damals bei mir anschlug? Und dann kam ich von diesem Buch nicht mehr los. Zumal sich herausstellte, dass es kein "Psychiatrie-Buch" im strengen Sinne ist. Der erste Teil handelt zwar von dem, was die Autorin als "dritte Wirklichkeit" bezeichnet. Ärzte würden das eine Psychose nennen. Und von ihren Psychiatrie-Aufenthalten. Kurze Kapitelchen, nach denen man süchtig wird. Geschrieben in einer klaren, geraden aber doch poetischen Sprache. "Schnörkellos" hätte ich gern gesagt, aber es sind gerade die kleinen Schnörkel, die das Buch so erfrischend machen. Zum Beispiel humorvolle oder ironisierende Wortneuschöpfungen hier und da. Oder die Angewohnheit der Autorin, andere Menschen nicht mir ihrem wirklichen Namen zu benennen, sondern nach ihren Eigenschaften oder anderen Besonderheiten: "Freund des Pferdes", "der erfahrene Flötenspieler", der "Pfleger mit dem sanften Gesicht". Eine Erstbegegnung mit der (deutschen) Psychiatrie, ein kritischer, aber nicht hasserfüllter Blick auf diese. In den geschilderten Erlebnissen, die von einer leichten Selbstironie durchzogen sind, konnte ich mich in vielem wiederfinden, was natürlich meine Lust auf das Buch weiter ankurbelte. Der Autorin setzt geschickt innere Begebenheiten und äußere Ereignisse nebeneinander, ohne dass man als Leser hierdurch irritiert würde oder sie gar durcheinanderbringt. Eingestreut werden kurze Reflexionen des Erlebten, zum Glück weder anklagend noch larmoyant noch philosphierend überfrachtet. Einfach, nachvollziehbar - und souverän.

Der zweite Teil des Buches handelt von dem "Drumherum", vom Leben: Reiseberichte, auch eine psychotische Reise durch Frankreich und Süddeutschland. Alltag im Ausland. Spracherfahrungen. Ein Stückchen Kindheitserinnerung. Ein fast romantisches Kapitel über eine Psychotherapie. Märchenhafte anmutende Tagräume. Besichtigung eines ehemaligen Konzentrationslagers. Ein Brief. Jobsuche - in Paris. Es wird eine Liebesgeschichte sichtbar. Mehrere Gedichte sind darin enthalten, sogar ein Beispiel für Konkrete Poesie. Dieser Buchteil beginnt mit Beobachtungen in der Metro von Paris - aber den Pariser Metroplan hätte man nicht auch noch abdrucken sollen - das weckt einfach zu viele Sehnsüchte.....Die Autorin erzählt nicht chronologisch ihre Lebensgeschichte, sondern wählt einige Stationen aus. Manche Lebenslinien bleiben daher unter der Oberfläche, es bleibt der Leserin überlassen, diese anhand der Andeutungen zu erahnen. So unterschiedlich beide Buchteile sind- sie gehören doch zusammen, denn es wird klar, dass auch die Psychose-Erfahrung im weiteren Leben von Monika Laupus ihren Platz einnimmt- "Labyrinthe entschlüsseln"...(S. 89). Normalerweise bin ich sehr zurückhaltend mit Forderungen, man müsse Psychosen "aufarbeiten" oder "integrieren". Da sind zu viele Menschen, denen dies nicht möglich ist, die einfach nur leiden. Monika Laupus, so hatte ich den Eindruck, ist dies aber gelungen. Eine Freude, das wahrzunehmen. Mir fällt eine spezielle Lesergruppe ein, für die dieses Buch besonders geeignet sein könnte: Menschen, die erst ein- oder zweimal in der Psychiatrie waren. die noch zurück wollen und können ins "ganz normale"(?) Leben, die sich nicht als "Psychiatrie-Erfahrene" definieren und schon gar nicht psychiatriepolitisch angehauchten Verbänden anschließen wollen. Es könnte ihnen zum Verständnis helfen, und macht Mut. Allein schon deshalb, weil es positiv endet: "...und es geht mir gut. Einfach gut." (S.135)

Und die "Vierte Wirklichkeit"? Die "anderen drei" Wirklichkeiten werden zu Beginn des Buches erklärt. Diese vierte Wirklichkeit wird nur hin und wieder erwähnt, angesprochen, angezupft. Man versteht aber nach und nach trotzdem, was gemeint ist. Und schaut vom Balkon aus über die Dächer der Stadt. Leider nicht Paris.

 

Monika Laupus

Die vierte Wirklichkeit. Eine Seele ver-rückt nach Frankreich.

Paranus-Verlag Neumünster, 2004

135 Seiten, 12,80 €


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