Ronald Mundhenk:
Der geteilte Mantel.
Psychisch kranke Menschen seelsorgerlich begleiten.

Rezension von Sibylle Prins

Als ich begann, dieses Buch zu lesen, war ich anfangs etwas irritiert: die Sprache erschien mir zunächst ein wenig spröde, und sehr unvermittelt fühlte ich mich in dem ansonsten eher nüchternen Text mit Bibelstellen und Begriffen aus dem Zentrum christlicher Religiosität, etwa "Narr in Christo" konfrontiert. Doch dieser erste Eindruck verflog sehr bald, und machte der Entdeckung Platz, dass es sich hier um ein aufregendes und mutiges Buch handelt. Mutig, denn in einer Zeit der "evidenzbasierten Medizin" schreibt Ronald Mundhenk, selbst Klinikseelsorger in der Psychiatrie, u.a.: "Man muss psychisch kranke Menschen lieben, um mit ihnen sinnvoll arbeiten zu können" (S. 29). Und während heute das Gehirn zum Kultorgan geworden ist, kann er schreiben:"Man sieht und hört nur mit dem Herzen gut.Das gilt für die Seelssorge in der Psychiatrie in besonderem Maße. Seelsorge braucht Herz" (S. 32).

Nach einer eher allgemeinen Einleitung zur Psychiatrie, der Rolle des Seelsorgers in derselben und der Situation psychiatrieerfahrener Menschen in der (Kirchen-) Gemeinde geht es im 2 Hauptteil des 145 Seiten schmalen Bändchens um die persönliche und theologische Haltung gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen. Mundhenk thematisiert zum Beispiel in den einzelnen Kapiteln die "Präsenz", "Solidarität", "Liebe", Herzlichkeit", "Zeit, Raum, Gastfreundschaft","Hausbesuche" usw. Er reflektiert diese Begegnungsaspekte in einer Mischung aus theologischen Überlegungen und praktischer Seelsorgeerfahrungen.Gefreut hat mich dabei auch seine theologische Grundhaltung, die eindeutig und klar ist, ohne in irgendeine Art von Fundamentalismus, oder zur anderen Seite hin, in den religiösen Kitsch abzurutschen. Und bei aller gediegenen intellektuellen Reflexion auch der religiösen Themen respektiert er das letztlich "Unerklärbare" im Glauben, so dass das Göttliche und Heilige nicht spitzfindig hinwegdifferenziert, am Ende Gott totrationalisiert wird. Eine wirklich große Stärke und vielleicht eine kleine Schwäche des Buches fand ich, dass er sich in seinen Praxisbeispielen sehr oft auf Menschen in akuten Psychosen bezieht. Stärke deshalb, weil psychotische Menschen oft als kommunikationsgestört gelten, vielleicht sogar für "nicht seelsorgefähig" gehalten werden? "Kleine Schwäche" deshalb, weil möglicherweise Menschen mit andersgearteten psychischen Problemen hier ein wenig unterrepräsentiert sein könnten. Sehr schön, dass Mundhenk auch den Seelsorger nicht einfach als eine weitere Profession begreift, mit der Psychiatrie-Erfahrene traktiert werden, sondern über diese Rolle hinaus den Seelsorger als Weggefährten, Mitmensch, Mitglaubenden sieht, der genauso wie der psychisch erkrankte Mensch dem Leiden und der Vergänglichkeit unterworfen, aber auch von der christlichen Verheißung umfangen ist. Damit ist für ihn die seelsorgerliche Tätigkeit auch keine Einbahnstraße, der Psychiatrie-Erfahrene wird nicht einseitig zum Objekt christlich motivierter Barmherzigkeit, sondern hat seinerseits dem Gegenüber einiges zu geben.

Im 3. Teil des Buches mit der Überschrift "Praxis" stehen spezifisch seelsorgerliche Gesrpächsformen, Aufgaben und Rituale im Mittelpunkt. Kapitelüberschriften lauten z.B. "Trösten", "Beten" "Freude machen", "von sich erzählen","Gottesdienst". Besonders wichtig waren mir die Kapitel über den Umgang mit dem Tod in der Psychiatrie und die Bedeutung des Schweigens. Beides vernachlässigte Themen, nicht nur - aber besonders- in der Psychiatrie.

Im Schlussteil gibt Mundhenk noch einige Empfehlungen für den Umgang mit Menschen, die von psychischen Krisen betroffen sind, zeigt Wege auf, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dieses Kapitel richtet sich sehr deutlich nicht an Insider, und es ist erfreulich, dass nicht nur Selbsthilfeverbände genannt und beschrieben werden, sondern dass der Autor auch dazu rät, nicht gleich das ganze psychiatrische System in Anspruch zu nehmen, sondern gegebenenfalls erstmal eine "normale" Beratungsstelle aufzusuchen.

Das ganze Buch richtet sich natürlich an andere Klinikseelsorger, aber ausdrücklich auch an Gemeindepfarrer/innen und - mitarbeiter/innen. Im Hinblick auf Erstere bin ich allerdings skeptisch, ob diese die traditionelle Rolle des kontinuierlich begleitenden Seelsorgers überhaupt noch so wahrnehmen können, wie der Autor sich das wünscht, oder ob sich ihr Berufsbild nicht längst zum Gemeindemanager und ggfs. Eventveranstalter verändert hat. Sehr lobenswert ist aber Mundhenks Anliegen allemal, nicht nur die für die meisten Psychiatrieerfahrenen befristete und mit Ausnahmecharakter versehene Kliniksituation, sondern auch den kirchlichen Alltag "draußen" in den Blick zu nehmen. Ich würde weiterhin das Buch gern psychiatrischen Mitarbeiter/innen ganz anderer Professionen empfehlen- sie sollen sich ja auch um die "Seele" des Betroffenen kümmern!-selbst wenn sie mit dem christlichen Hintergrund nicht so viel anfangen können. Es vermittelt praxisnah, gut lesbar und eindrücklich eine Einstellung zu Menschen im Allgmeinen und zu Menschen in psychischen Krisen im Besonderen, die dringend weitergegeben und kultiviert werden sollte. Ein ganz persönlicher Eindruck: endlich ein psychiatrisches Sachbuch, dessen Lektüre mich als Betroffene nicht meine "Krankheit" noch einmal doppelt spüren läßt, sondern erleichternden und aufhellenden Effekt hat. Bücher wie dieses verbessern die Welt.

 

Ronald Mundhenk

Der geteilte Mantel. Psychisch kranke Menschen seelsorgerlich begleiten.

EB-Verlage, Schenefeld 2005


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