Wolfgang Neumann/Björn Süfke:
Den Mann zur Sprache bringen.
Psychotherapie mit Männern.

Rezension von Sibylle Prins

Wie ich dazu kam, dieses Buch zu lesen und zu rezensieren, wäre eine eigene Geschichte wert.....für die "Schnellmerker" unter den Leser/innen: nein, es war nicht so, dass ich einen Mann traf, den ich für besonders therapiebedürftig hielt, und mir daraufhin dieses Buch gegriffen habe- obwohl die Gerüchteküche mir zutrug, dass auch solches durchaus vorkommen soll. Wolfgang Neumann, Psychotherapeut in eigener Praxis und Björn Süfke, tätig in einer Männerberatungsstelle, haben ein Buch vorgelegt, das sich einer großen Psychotherapie- Klientengruppe widmet, die aber als solche und mit ihren Besonderheiten manchmal vernachlässigt wird: den Männern. Das Buch richtet sich überwiegend an ein Fachpublikum, will heißen weniger die akademische Riege, sondern eher an ebenfalls therapeutisch praktizierende Kolleg/innen. Die erste Hälfte des Buches, der "Theorieteil" , ist daher dennoch sehr praxisorientiert, lebendig geschrieben, mit vielen Beispielen gewürzt, vor allem auch klar und nachvollziehbar aufgebaut. Die zentrale These der Autoren lautet : "Männer verlieren im Laufe ihrer Kindheit/Jugend immer mehr den Zugang zu ihren eigenen Impulsen. Um diesen Zugang wiederherzustellen, müssen wir den Mann "zur Sprache bringen" (S.16). Dieses "Zur Sprache bringen" bedeutet hauptsächlich zweierlei: das Thematisieren von Gefühlen, Hoffnungen, "inneren Welten", Beziehungen und das "zum Sprechen bringen", d.h. Männern, die es nicht gewohnt sind über sich selbst (oder überhaupt ausführlicher) zu sprechen, hierzu zu verhelfen. Da mir bei jedweder Gelegenheit gerne Gegenbeispiele einfallen, musste ich sofort an zwei Männer denken, die sehr gern und ausführlich (im Klartext: stundenlang monologisierend) über ihr Innenleben sprechen. Für die Autoren gehört aber auch das "Zuhören-Können" zum angestrebten "zur Sprache kommen". Neumann und Süfke schildern zunächst einige Faktoren der männlichen Sozialisation und deren Auswirkungen im späteren Leben der Männer, beschreiben Strategien, mit denen Männer versuchen, der oben angedeuteten Entfremdung im wahrsten Sinne des Wortes "Herr zu werden"- z.B. eine Tendenz, sich eher auf äußere Faktoren zu konzentrieren und zu beziehen (Externalisierung). Es folgen einige Grundzüge der Psychotherapie mit Männern, nicht unwichtig dabei die Suche nach dem kleinen Jungen, der jeder Mann einmal gewesen ist, sowie auch – ob nun real oder nur in der Therapiesituation vorgestellt- Auseinandersetzungen mit Vätern. Oder Ehefrauen. Nicht zentral, aber doch ausreichend gesehen wird das Thema Gewalt. Gewalt an Männern und von Männern. Nicht alle beschriebenen Erkentnisse sind superneu, diesen Anspruch erheben die Autoren auch gar nicht, sondern ihnen geht es darum, Anregungen und Ideen für die therapeutische Arbeit zu geben. Ein wichtiges "Therapie-Mittel" ist für beide der Humor, der aber nicht als wissenschaftlich begründete kalt-rationale "Technik" eingesetzt wird, sondern außerdem auch den Klienten zugestanden wird (das kenne ich aus eigener Erfahrung noch anders) und sich ebenfalls als erfrischendes Stilmittel in dem Buch, verbunden mit einer ordentlichen Portion Selbstironie der schreibenden Therapeuten wiederfindet. Ausführlich werden die Vorbehalte von Männern gegenüber Psychotherapie diskutiert, etwa -"Gespräche helfen nicht" und den "Kulturschock" den manche Männer in der therapeutischen Situation erleben Oder auch die Erwartung, wie es in dem nächsten, sehr aufschlußreichen Kapitel über männliche Jugendliche in der Therapie heißt, "dass hier etwas Schwieriges, Bloßstellendes, Unangenehmes....verlangt wird" (S.138).

Die zweite Hälfte des Buches erzählt Gesprächs- bzw. Therapiebeispiele aus der Praxis von Wolfgang Neumann. Sowas liest man und frau ja immer gern, angenehm fand ich, dass nicht nur therapeutische "Erfolgsstorys" sichtbar werden, sondern auch Beispiele berichtet werden, wo die Therapie vorzeitig abgebrochen wurde oder gar nicht erst zustande kam. Neumann nutzt in seinen therapeutischen Gesprächen noch ein ganz besonderes Mittel, nämlich kleine, selbstgeschriebene Geschichten für die Klienten. Auch davon sind viele abgedruckt, darüber hinaus verschwindet der Therapeut Neumann in diesen Berichten nicht hinter einer imaginären Spiegelwand, sondern berichtet von eigenen Emotionen, Unsicherheiten, plötzlichen Einfällen im Kontakt mit den jeweiligen Klienten, ja, er ist selbst Gegenstand seiner ersten Geschichte, aber keine Sorge, es führt nicht dazu, dass der Klient als eigentlicher Mittelpunkt verlorengeht.Dass den Autoren die therapeutische Arbeit mit Männern zudem großen Spaß macht, hätten sie gar nicht zu betonen brauchen- man merkt es auch so.

Wie gesagt, eigentlich ein Buch für Kolleg/innen der Autoren. Aber auch für alle anderen Männer - und Frauen!- die sich für dieses Thema interessieren. Wo es doch so schön und sogar unterhaltsam zur Sprache gebracht wird.

 

P.S.: nach der Lektüre weiß ich jetzt natürlich alles über Männer....

 

Wolfgang Neumann/Björn Süfke

Den Mann zur Sprache bringen. Psychotherapie mit Männern.

DGVT-Verlag, Tübingen 2004

270 Seiten, 19,80 €


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