Norbert Mönter (Hg)
Seelische Erkrankung, Religion und Sinndeutung

Rezension von Sibylle Prins

Als ich dieses Buch bestellte, hatte ich nicht genau hingeschaut: so dachte ich, der Herausgeber Norbert Mönter sei der alleinige Autor. Ich stellte mir also vor, ein Psychiater, ein Psychologe oder ein Seelsorger würde darin berichten, wie er in der psychiatrischen Arbeit im Umgang mit seinen Patienten/Klienten auf das Thema Religion und Sinnsuche stößt und darüber reflektieren, wie damit umzugehen sei. Als das Buch kam, war dann alles etwas anders. Norbert Mönter ist wie erwähnt der Herausgeber dieses Sammelbandes, der auf einer Tagung in Berlin beruht und durch weitere Beiträge ergänzt wurde. Das, was ich vermutete, dass psychiatrisch Tätige über ihre Begegnungen mit religiösen Phänomenen und Bedürfnissen sowie dem Bedürfnis nach Sinn berichten, kommt auch darin vor- aber noch sehr viel mehr.

Das Verhältnis zwischen Psychiatrie und Religion, zwischen Wissenschaft und subjektivem (Lebens-) Sinn ist ja nicht ungebrochen- so wurde und wird Religiosität bzw. auch Spiritualität nicht selten auch auf ihre krankmachenden/krankhaften Aspekte abgefragt. Mönter will vielen Sichtweisen, den Chancen und den Risiken der Religiosität bzw. Spiritualität, in diesem Buch Raum geben. Schon im Vorwort spricht er den Widerspruch an zwischen“einem allumfassenden naturwissenschaftlichen Erklärungsmodell menschlicher Existenz einschließlich ihrer Pathologie“ und der „essenziellen Subjektivität des Menschen“ (S.13), so dass „die subjektive Wirklichkeit des Patienten nicht recht passen will zu einer auf messbares reduzierten und hochselbstbewusst zwischen gesund und krank scheidenden „objektiven“ psychiatrischen Diagnostik“ (S.14). Es folgen in dem Band einige erste allgemeine Annäherungen- über die gemeinsamen Ursprünge und späteren Berührungs- wie Abgrenzungspunkte von Religion und Psychiatrie, die Sichtweise der Neurobiologie auf religiöse Erfahrungen- dieser Beitrag ist für Nicht-Neurobiologen an einigen Stellen vielleicht etwas zu speziell- einige Überlegungen zu Religion als Auslöser und Inhalt psychischer Symptome. Leider sind diese Beiträge etwas kurz geraten, die jeweiligen Themen werden gerade angerissen, dann wird der Leser wieder sich selbst überlassen- nun, man kann ja in den angefügten Literaturverzeichnissen weiterstöbern.

In einem zweiten Abschnitt diese Buches sind Erfahrungsberichte rund um das Thema abgedruckt. Einige, zum Teil recht beeindruckende von Betroffenen bzw. einer Angehörigen sowie auch von Psychiatrie-Mitarbeitern. Bei denjenigen Berichterstatter/innen (meist über Patienten/Klienten), die offenbar der Religion selbst nicht so nahe stehen, verspürt man dabei eine skeptische Hilflosigkeit oder auch hilflose Skepsis....Sehr wichtig und erhellend sind jeweils ein Beitrag über muslimische Sicht auf psychische Erkrankungen und diejenige andere nicht christlicher Religionen.

In einem weiteren Abschnitt des Buches wird u.a. der ewigen Frage nachgegangen, ob Religiosität nun eher krankheitsförderlich oder gesundheitsförderlich sei, und ob sie bzw. die Seelsorge überhaupt Gegenstand psychiatrischen Handelns sein könne. Bejaht wird dies auf jeden Fall in einem Beitrag über die ambulante Psychiatrieseelsorge in Aachen, ein interessantes Projekt, das Fragen aufwirft (soll man denn nun wieder eine außerklinische Extra-Seelsorge für Psychiatrie-Erfahrene und ihre Angehörigen schaffen?) aber gleichzeitig auch vorhandene Lücken schließt.

Der letzte Abschnitt handelt von der Sinnsuche in mehr allgemeinem Sinne, kurz vor Schluß ein sehr schöner, klarer Beitrag über die Logotherapie Viktor Frankls, die meiner Meinung nach in der Psychiatrie viel zu wenig Verbreitung findet, ohne dass der Verfasser Frankls Positionen kritiklos „nachbetet“. Abgerundet wird der Band durch Überlegungen zu den Grenzen psychiatrischen Handelns.

Manchmal fand ich, dass einige Beiträge auf eigenartige Weise „in der Schwebe“ blieben: vielleicht liegt das am Thema, vielleicht ist es dem Thema sogar angemessen. Aber auch die eher religionskritisch gefärbten Artikel ringen sich nicht zu einer klaren Stellungnahme durch- vielleicht aus Rücksicht auf die obengenannte Subjektivität. Ein Wunsch, den man nach der Lektüre hat: alle Verfasser in einem nachdenklichen und vertiefenden Gespräch miteinander zu erleben. Vielleicht war das auf der Ausgangstagung ja der Fall. Ein vielseitiges, anregendes Buch für alle, die sich mit diesem Thema auf eine horizonterweiternde Weise auseinandersetzen wollen und und für jeden, der glaubt- dass in der Psychiatrie manchmal das Wichtigste gar nicht thematisiert wird.

Sibylle Prins

Norbert Mönter (Hg)
Seelische Erkrankung, Religion und Sinndeutung
Psychiatrie-Verlag
Bonn 2007,
ISBN 978-3-88414-419-0


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