Rezension

Ein musterhaftes Kleinod

Ein kleines, dünnes Büchlein, das lange Zeit nur antiquarisch erhältlich war, wurde vor einigen Jahren wieder aufgelegt. Es enthält ein beeindruckendes Kleinod an „Betroffenenliteratur“ älteren Datums, um genau zu sein aus dem Jahr 1892. Jedenfalls wurde damals die Erzählung erstmals publiziert, und erlangte eine gewisse Berühmtheit. Die Geschichte: Eine junge Frau, die sich psychisch nicht gut fühlt, und sich für krank hält, wird von ihrem Ehemann für den Sommer auf ein Landgut gebracht. Sie will dort nicht sein, strengt sich aber an, die Umgebung „hübsch“ und „reizend“ zu finden, ihren Mann John „so klug“ und „fürsorglich“. Sätze voll tiefer Ironie, denn nicht zuletzt ist es die Situation ihrer Ehe und ihrer Rolle als Frau, die sie immer weiter in symbolische Welten hineintreibt. Denn ihr Mann zwingt sie „liebevoll“ in einem Zimmer zu wohnen, das ihr überhaupt nicht gefällt. Insbesondere die verblasste, halb abgerissene Tapete missfällt ihr: „Eine so schreckliche Tapete habe ich noch nie im Leben gesehen“. John kann sie nicht verstehen, er ist (ausgerechnet) Arzt und „praktisch bis zum Extrem“. „Er spottet ganz offen ... über Dinge ..., die nicht fühlbar, sichtbar oder genau benennbar“ sind. Er glaubt zwar, seine Frau sei körperlich angegriffen, aber alles andere hält er für „dumme Phantasien“. Seine Frau nennt er „mein kleines Mädchen“ und „das liebe kleine Herz“. Er macht ihr genaueste Vorschriften, was sie zu tun habe, um wieder zu Kräften zu kommen, und verbietet ihr jegliche Arbeit, insbesondere geistige Arbeit, sodass sie nur heimlich schreiben kann. In ihrem Erleben nimmt nun das auffällige Tapetenmuster immer mehr Raum ein. Sie versucht, die Gesetze des Musters zu verstehen, entdeckt Dinge und Figuren darin. Wer kennt das nicht – haben wir nicht auch in der Kindheit Muster in Tapeten oder Fußböden gesehen? Schließlich glaubt sie hinter dem Tapetenmuster eine kriechende Frau zu entdecken, die versucht, dem Gefängnis des Musters zu entfliehen. Irgendwann ist die Erzählerin nur noch mit dieser Frau beschäftigt, identifiziert sich mit ihr und will ihr helfen zu entfliehen. Schon machen sich die Angehörigen (außer dem Mann ist noch dessen Schwester als Hilfe im Haus anwesend) sich Sorgen, doch es ist zu spät – es kommt zur Eskalation ...

Diese kurze Erzählung führt meisterhaft vor, wie ein Mensch durch Lebensumstände so beengt werden kann, dass er (in diesem Falle natürlich sie) nur noch in symbolische Welten flüchten und nur noch auf dieser symbolischen Ebene, die man, wenn man will, auch als psychotische Ebene bezeichnen könnte, handeln kann. Eine Befreiung oder Gegenwehr in der Realität ist der Protagonistin nicht mehr möglich, die versuchten Aussprachen mit ihrem Mann scheitern. Und so kommt es zu einer besonders gut beschriebenen Vermischung von Außenwelt und Innenwelt, „angezündet“ durch eine solche Banalität wie ein Tapetenmuster. Es wird in dieser Erzählung nicht einfach platt gesagt „Die Gesellschaft macht krank“ oder „die Rolle als Frau in dieser Ehe macht krank“, wohl aber wird aufgezeigt, dass gesellschaftliche und private Umstände persönliche Ausweglosigkeiten verursachen können. Man kann diese Geschichte also nicht nur psychiatrisch lesen, sondern auch feministisch, wohl deshalb ist eine frühere Ausgabe auch im Verlag Frauenoffensive erschienen. Die Verfasserin, Charlotte Perkins Gilman (1860-1935), war denn auch selbst aktive Feministin, Herausgeberin und Redakteurin einer Zeitschrift und Vortragsreisende, eine bemerkenswerte und heute leider weitgehend unbekannte Frau. In einem angehängten Interview gibt sie zu, dass sie solche „psychotischen“ Erfahrungen nicht hatte, sondern sich ausgemalt hat, wie eine Krise, die sie hatte (tiefe Depressionen), wohl hätte enden können. Deshalb ist die Erzählung auch nicht ein einfacher Erfahrungsbericht, sondern ein Stück echte Literatur. Das macht sie so besonders.

Es lohnt sich, auch die Veröffentlichungsgeschichte der Erzählung sowie das Leben von Charlotte Perkins Gilman nachzulesen. Außer dem Anhang der jetzigen Ausgabe sind dazu sehr hilfreich das Nachwort in der Ausgabe der Frauenoffensive sowie ein Beitrag in dem 2. Band von „Wahnsinnsfrauen“, herausgegeben von Sibylle Duda und Luise Pusch. Die kleine Erzählung selbst kann man immer wieder lesen. Und immer Neues darin finden. Wie im Tapetenmuster.

Sibylle Prins

CHARLOTTE PERKINS GILMAN: Die gelbe Tapete. Wien, Braumüller-Verlag, 2005 und 2011, 64 Seiten, 14,90 Euro

Sibylle Prins