Rezension

Roman Preist: Mein Leben in zwei Welten. Zwischen Schizophrenie und Alltag.

Paranus-Verlag Neumünster 2012

Selten habe ich einen so genauen und gründlichen Erfahrungsbericht gelesen. Der Autor, der teilweise über sich in der 3. Person schreibt, beginnt mit einem kurzen Abriss seiner Kindheit und Jugend , in der Probleme ihren Anfang nehmen, wie z.B. eine unsichere Geschlechtsidentität, die zwar zeitweise überwunden scheinen, später jedoch im Zusammenhang mit seiner Erkrankung, wieder eine Rolle spielen. Danach geht sein Leben erst mal sehr vielversprechend weiter: er wird ein ganz hoffnungsvoller junger Wissenschaftler (Biologe), der sich in den angesehensten Kreisen bewegt. Der Autor und die Leser/innen mögen mir verzeihen: als er berichtet, welchen Rummel es auslöst als der Professor seines Instituts den Nobelpreis erhält, musste ich schmunzeln: im Zusammenhang mit psychotischen Inhalten ist mir der Nobelpreis ziemlich oft untergekommen – von Menschen, die in ihren psychotischen Phasen glaubten, ihn demnächst zu erhalten. Ich selbst erhalte in Psychosen nicht nur Nobelpreise, sondern verteile sie auch noch großzügig an andere. Was vielleicht noch größenwahnsinniger ist. Das Schmunzeln kam daher, dass es sich in dieser Geschichte ausnahmsweise um den echten und realen Nobelpreis handelt. Und auch Roman Preist will sich auf den Weg dorthin machen. Doch bei einem Auslandsaufenthalt befallen ihn erste psychotische Wahrnehmungen und Gedanken. Durch die minutiöse Schilderung, wie sie sich zunächst an einer kleinen Begebenheit entzünden, immer stärker das gesamte Leben überfluten und es schließlich zu einer Situation der Unausweichlichkeit und Eskalation kommt, der Autor dann in der Psychiatrie „landet“, bekommt der Leser einen beklemmenden aber auch sehr plastischen und anschaulichen Eindruck von diesem psychotischen Erleben. Selbst Betroffene werden darin Eigenes wiederfinden, für Nichtbetroffene wird es m.E. sehr nachvollziehbar gemacht.

Die angefangene wissenschaftliche Karriere kann Preist danach so nicht langfristig fortsetzen, findet jedoch immer wieder andere Arbeitsmöglichkeiten. Aber weiterhin bleibt sein Leben sehr von psychotischen Wahrnehmungen und Krankheitsschüben, und den damit einhergehenden Folgen, z.B. teilweise Verwahrlosung und siuizidalen Gedanken geprägt. Auch der Weg heraus aus diesen mitunter sehr schlechten Zeiten wird beschrieben, woran Roman Preist selber aktiv mitwirkt. Er setzt sich außerdem intensiv auf einer theoretischen Ebene mit seiner Erkrankung auseinander, und kommt zu einigen interessanten Fragen, denen nachzugehen sich lohnt- so etwa zu der Frage, ob die Schizophrenie einen Zugang zu anderen (Wirklichkeits-) Dimensionen darstellen könnte. Auch unternimmt er ein interessantes Experiment, bei dem er sich unter kontrollierten Bedingungen bewusst in einen Krankheitsschub hineingleiten lässt, um diesen besser erforschen zu können.

Am Schluss des Buches stellt er einige eigene Thesen auf zur Schizophrenie- hier ist er wieder ganz Naturwissenschaftler. Geistes- und sozialwissenschaftliche Deutungen hätte ich an mancher Stelle auch spannend gefunden, z.B. dort, wo er psychotische Gedanken beschreibt: „Nur durch deine Wahrnehmung existiert die Welt“ - das ist ja ein uraltes philosophisches Problem. Während der Lektüre hatte ich den Eindruck eines sehr einsamen und isoliert lebenden Menschen, und Preist selbst schreibt auch von seiner Einsamkeit – konterkariert wird dieser Eindruck durch Kapitel, in denen es um Beziehungen zu Frauen geht, und man überraschend von einer Heirat und Familiengründung erfährt. Mehr noch durch die Danksagung, die erkennen lässt, dass die Isolation wohl doch nicht so umfassend gewesen sein kann. Da erst geht einem die volle Bedeutung des Titels „Mein Leben in zwei Welten“ auf, denn tatsächlich gelingt es Preist über längere Strecken ein nach außen hin „normales“ Leben aufzubauen, und gleichzeitig immer noch mit psychotischen Gedanken und Wahrnehmungen zu kämpfen – und mit diesen ist er ganz allein.

Etwas anderes, Psychiatriepolitisches fiel mir auch noch auf: dieser ganze „ambulante Zirkus“, um das mal so despektierlich zu nennen, kommt hier nicht vor. Es kommen vor: psychiatrische Kliniken, eine Psychotherapie-Klinik, die ihm wohl gut geholfen hat, und mehrfach (ambulante) „Therapeut/innen“- ich wusste nicht genau, ob darunter Psychotherapeut/innen oder doch niedergelassene Psychiater/innen zu verstehen seien, glaube aber eher Erstere. Kein Betreutes Wohnen, obwohl der Verfasser dafür vielleicht sogar in Frage gekommen wäre, keine Kontakt- und Begegnungsstätte, um die Isolation zu mildern (stattdessen ein „normaler“ Freizeitklub), keine berufliche Reha, an die man hier sehr wohl hätte denken können. Stattdessen jemand, der trotz vieler psychotischer Schübe und teilweise langanhaltender Symptome immer wieder eine qualifizierte Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt ausübt, heiratet, Familie gründet und mit seiner Frau/ Freundin wie selbstverständlich Fernreisen macht. Nicht gerade das, was ich von Menschen mit der Diagnose „Schizophrenie“ als üblichen Lebensstil kenne. Ich will natürlich den Ausbau der ambulanten Einrichtungen nicht schlechtmachen, aber erneut stellt sich mir die Frage, ob manche Menschen eher Erfolg in der Bewältigung ihrer Erkrankung haben, wenn sie nicht zu viel psychiatrische „Hilfe“ in Anspruch nehmen.....

Hochachtung auf jeden Fall vor dem Autor, der so präzise, so offen und schonungslos über sich berichtet. Auch wenn seine Vorliebe für eher naturwissenschaftliche Betrachtungsweisen nicht für jeden zugänglich sein wird, ist es doch ein sehr mutmachendes Buch, das aufzeigt, wie viel man gegebenenfalls als Betroffener auch selbst tun kann. Spannend zu lesen außerdem. Ich wünsche ihm viele interessierte Leser/innen!

Sibylle Prins