Leon Wert:
Sternrasen oder Drehen und Wenden

Buchtipp von Sibylle Prins

Ein sehr dünnes Büchlein, welches schon vor längerer Zeit erschienen ist, auf dass ich aber gern noch einmal aufmerksam machen möchte. Es wird nicht jedermanns Sache sein, dieses Buch zu lesen. Denn es verweigert sich unseren üblichen Lesegewohnheiten. Die fünfundzwanzig kurzen Kapitel sind mathematisch anmutend einheitlich überschrieben: variable komma eins, variable komma zwei, usw. Innerhalb der Kapitel wird ein Eingangsabsatz ("Erste Wahnvariation") dann jeweils bearbeitet, verändert, eben gedreht und gewendet ("zweite und dritte Wahnvariation"). Diese strenge Komposition der Texte, die Assoziation zur Mathematik sowie, und darauf kommt es letztendlich an, der Inhalt, lassen mich eher an Musik denken als an Lektüre. Nicht von ungefähr: die Sprache, die der Autor schreibt, ist reinste Poesie, und dieser wohnt natürlicherweise eine eigene Musikalität inne. Ich muss gestehen, einen ersten Zugang zu diesen Texten fand ich wohl deshalb auch , als ich einige auf der CD "Neben mir im Sand lag Gott und schlief" gesprochen hörte. Danach erst begannen mich die geschriebenen Texte zu faszinieren. Von denen man soviel oder so wenig an einem Stück und in selbstgewählter Reihenfolge lesen kann, wie man mag. Manchmal genügt mir ein einziger Satz. Wenn "lesen" überhaupt der richtige Ausdruck dafür ist. Auch da geht es mir eher wie bei der Musik: ich lasse ungewohnte, logisch nur manchmal erschließbare Sätze und Worte auf mich wirken. Sie erzeugen Bilder, Gefühle, Ideen, denen ich, wenn ich will und kann, nachspüre. Erinnerungen, die irgendwo tief unten schlafen, werden behutsam geweckt. Auch als Leserin bin ich gefordert, die Worte und Sätze noch einmal, nun auf meine Weise, zu drehen und zu wenden. Kommt der Wahn, das psychotische Erleben, auch darin vor? Ich denke, ja. Ich hatte manchmal das Gefühl, der Autor schafft es, die Psychose in ihrem Kern zu erfassen und zu versprachlichen. Jenen Kern, der abseits allen Leidens am Wahn, aller psychischen und sozialen Hilfsbedürftigkeiten manchen von uns so wichtig und unentbehrlich wird, selbst wenn wir uns dafür schämen sollten. Der uns "krankheitsuneinsichtig" macht. Der außerdem jener Teil dieser "Erkrankung" ist, die über das individuelle Erleben hinausgeht und, welches Paradoxon, obwohl kaum mitteilbar das unbedingt Mitteilbenswerte an der Psychose wäre. Leon Wert schreibt eine Poesie an der Grenze der Sprache. Vielleicht doch die Grenze zur Musik? Es ist schön, kostet aber mitunter Mühe, dieses Buch zu lesen. Wenn Lesen überhaupt der richtige Ausdruck dafür ist.

 


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