Rezension - Zu Herzen gehend

Hartwig Hansen, Die Liebe wiederfinden: Schlüsselszenen aus der Paartherapie.

Balnce Buch + Medien, 2009

Ein Buch voller Liebesgeschichten. Von denen viele wirklich anrühren, zu Herzen gehen. Es handelt sich jedoch nicht um Frischverliebte, die erst mühsam zueinander finden müssen. Sondern es geht hier ausschließlich um Paare, die schon länger, manchmal sogar sehr lange, zusammen sind. Die sich auf ihrem gemeinsamen Weg irgendwo „verfahren“ oder fast aus den Augen beziehungsweise (!) aus dem Herzen verloren haben. Die meisten dieser kleinen Geschichten gehen, fürs erste, „gut aus“. Oft durch ganz kleine Gesten, manchmal durch beeindruckende Wendungen. So heißt das Buch nicht ohne Grund „Die Liebe wiederfinden“.

Vielleicht ist das Buch aber auch ein Beziehungsratgeber? In der Einleitung nennt der Autor Hartwig Hansen einige typische Gefahrenpunkte für Paarbeziehungen, u.a. vier sogenannte „apokalyptische Reiter“. Ferner kann man an den Geschichten gut ablesen, was Beziehungen zerstört, was Menschen wieder zusammenbringen kann. Übertragbarkeit auf andere Arten von Beziehungen nicht ausgeschlossen.

Möglicherweise ist es aber „eigentlich“ ein Therapiebuch. Wie schon der Untertitel sagt, enthält es „Schlüsselszenen aus der Paartherapie“. Hartwig Hansen berichtet darin nämlich von seiner Arbeit als Paartherapeut. So kommen neben den beteiligten Paaren auch der Autor selbst – in der Ich-Form- und gegebenenfalls seine Kollegin in den Geschichten vor. Das fügt sich alles zu einem harmonischem Ganzen- das Problem der Ratsuchenden, die Anwesenheit und die Interventionen der Therapeuten. Angenehm fand ich dabei die Rolle, die die Therapeuten einnehmen, da wirkt nichts besserwisserisch, da wird nichts übergestülpt. Was sie tun oder sagen, ist manchmal überraschend, bleibt aber immer nachvollziehbar. Sehr organisch integriert wirkt auch die Vorstellung der einzelnen besonderen Therapiemethoden, wie Genogramm, Rollentausch, „inneres Team“ oder ein Gespräch über Geschwisterkonstellationen in Herkunftsfamilien usw. Diese Vorgehensweisen werden entwickelt aus dem, was das Paar mitbringt, nicht etwa um des fachlichen Anspruchs willen herbeigezwungen. Hansen bietet einen lehrreichen, nachdenklich machenden aber auch oft unterhaltsamen und manchmal lustigen Einblick in seine Praxis als Paartherapeut, bei dem er sich selbst nicht ausspart. Also kein mühsam zu lesendes Lehrbuch, keine ellenlangen Gesprächsprotokolle. Wer lieber spannend erzählte Fallbeispiele liest als trockene Theorie ist hier richtig. Die Geschichten sind behutsam - und kommen doch deutlich auf den Punkt. Kreativität und Phantasie inbegriffen. Und ich wette, anderen Leser/innen wird es gehen wie mir, dass sie an der einen oder anderen Stelle denken: „genau wie bei mir“.

Ein Buch also, für alle, die gerne wissen wollen, was bei einer Paartherapie eigentlich so passiert. Ein Buch für Menschen, die etwas über Beziehungen lernen wollen. Für mich war es ein Buch mit tollen Geschichten......