Fredi Saal:
"Warum sollte ich jemand anderes sein wollen?"

Buchtipp von Sibylle Prins

Dieses Buch hat mich umgehauen. So stark ist es. Aber Vorsicht: es handelt sich nicht um "leichte Kost"! Der Autor, Fredi Saal, wird mit einer schweren Körperbehinderung geboren. Fälschlicherweise als geistig behindert eingestuft, landet er - gegen den Willen seiner Mutter - in einem sehr restriktiven und autoritären Heim für geistig behinderte Kinder. Einige der Pflegerinnen "entdecken", dass der Junge doch wohl "bildungsfähig" sei, und so erhält er wenigstens eine ansatzweise Beschulung, die aber, wie sich später herausstellt, für einen Menschen mit seinen Fähigkeiten und Interessen völlig unzureichend ist. Es gelingt ihm, über einige mühsame und mutige Umwege das Anstaltsleben hinter sich zu lassen, ein eigenständiges Leben aufzubauen, die ihm zustehende Bildung autodidaktisch nachzuholen, zeitweise berufstätig zu sein. Parallel gründet er eine Gruppe für junge Menschen mit und ohne Behinderungen, wird nach und nach zum Vordenker der Selbsthilfebewegung und Interessenvertretung von Menschen mit Behinderungen. Darüber hinaus ein bedeutender Schriftsteller. Ein wichtiger Lebenstraum geht noch in Erfüllung: er findet eine ebenbürtige Partnerin. Die Erzählung seines Lebenslaufes wird ergänzt durch vielfältige Reflexionen rund um das Thema "Leben in unserer Welt als Mensch mit einer Behinderung". Fredi Saal will niemand anderes sein, denn er leidet gar nicht unter der medizinisch feststellbaren Normabweichung seines Körpers, wohl aber unter deren sozialen und biografischen Folgen. Das, was andere "die Behinderung" nennen, ist Teil seiner Identität, gehört zu ihm, ist nicht abspaltbar und muss nicht zwangsläufig "therapiert" oder "geheilt" werden. Auf hohem Niveau und doch gut verständlich, nah am Leben begründet Fredi Saal, weshalb besondere Einrichtungen (Heime, Anstalten usw.) für Menschen mit Behinderungen die falsche "Lösung" sind eines Problems, das vielleicht mehr in den Köpfen der sog. "Nichtbehinderten" konstruiert wird, als dass es wirklich existiert. Vielseitig und kritisch setzt er sich mit dem Begriff "Behinderung" auseinander, aber auch mit den vielen persönlichen Problemen, die ein Mensch hat, der von anderen als "behindert" betrachtet wird, und dieses Etikett wohl oder übel auf sich nimmt, z.B. hinsichtlich Selbstwertgefühl, Beziehungen zum anderen Geschlecht oder das Thema Erwerbsarbeit. Dieses Buch ist ein absolutes Muss für alle, die sich als nichtbehindert empfinden und beruflich mit Menschen mit Behinderungen zu tun haben; Menschen, die selbst von einer Behinderung betroffen sind, wird es vielfältige Anregung zur Auseinandersetzung (oder vielleicht auch zum Widerspruch?) bieten; denjenigen, die sich mit dem Thema noch nicht näher befasst haben, wird es helfen, eine wesentliche Lücke in ihrem (sozialen) Weltbild zu schließen. Und nun die Gretchenfrage: was hat die Besprechung dieses Buches in einer Zeitung Psychiatrie-Erfahrener zu suchen? was könnte daran interessant sein für Menschen, die es auf diese oder jene Weise nicht mit einer körperlichen, sondern mit der Psychiatrie zu tun haben? Nun, in diesem Bereich gibt es auch den Ausdruck "psychisch (oder seelisch) behindert". Mancher Psychiatrie-Erfahrener hat aufgrund der psychischen Probleme sogar einen Schwerbehindertenausweis. Trotzdem tun wir uns oft sehr schwer mit diesem Begriff, lehnen ihn ab, wollen nicht als behindert bezeichnet werden. Dieses Buch bietet zum einen Gelegenheit , diesen ominösen Behinderungsbegriff mal aus einer ganz anderen Perspektive sehen zu lernen. Und dann darüber nachzudenken, weshalb eine psychische oder seelische Behinderung vielleicht doch noch mal etwas ganz anderes ist, als das, was Fredi Saal schildert. Man gerät ins Nachdenken: wo gibt es Parallelen, Gemeinsamkeiten, wo aber reizt es auch zum Widerspruch, sind Unterschiede und Abgrenzungen feststellbar? Könnte jede/r von uns Psychiatrie-Erfahrenen den Titel des Buches so ohne weiteres für sich nachsprechen? Oder - ein etwas boshafter Gedanke - könnte unsere "Behinderung" vielleicht gerade zum Teil darin liegen, dass wir nur all zu oft gern jemand anderes wären? Und ist nicht eine psychische Behinderung noch stigmatisierender als jedwede andere? Es fällt zum Beispiel auf, dass die vielen Behinderteninitiativen in unserer Stadt sich wenig oder gar nicht mit psychischer Erkrankung befassen. Über unsere spezielle Problematik, und darüber, was eine "psychische Behinderung" ausmacht - so man sie denn postulieren will, aber im Gesetz wird das ja getan - und welche Art von "Barrierefreiheit" wir brauchen, könnte man auch mal mit diesen Verbänden ins Gespräch kommen. Ist möglicherweise für beide Seiten bereichernd. Fredi Saals Buch hilft, die entsprechenden Reflexionen anzuregen und Berührungsängste abzubauen.

 

Fredi Saal

"Warum sollte ich jemand anderes sein wollen?"


Zurück