Rezension

"Wie auf verschiedenen Planeten"

Gyöngyvér Sielaff, Paranus-Verlag Neumünster 2011

An vielen Orten ist es derzeit „modern“ , das Augenmerk auf die Situation der Kinder aus Familien mit psychisch erkrankten Elternteilen zu legen. Unterstützungsprojekte schießen wie Pilze aus dem Boden. Das ist sicherlich gut so und längst überfällig. Manchmal geraten dabei allerdings die psychiatrieerfahrenen Eltern in eine etwas schräge Perspektive: sie sind der „Problemfall“, und müssen beispielsweise ein standardisiertes Elterntraining absolvieren, um ihre „Verantwortungsbereitschaft“ zu steigern.

Dieses Buch ist ganz anders. Nach einem Vorwort von Kirsten Boie, der Autorin von „Mit Kindern redet ja keiner“ (Fischer 2005), in dem sie u.a. die gesellschaftlichen Belastungen und Erwartungen aufgreift, denen Familien, insbesondere die Mütter, heute unterliegen, folgen einführende Worte von Gyöngyvér Sielaff. Erleichternderweise geht sie darauf ein, dass auch ohne psychiatrische Diagnose Familien häufig sehr belastet sein können, und nicht immer ein Hort der Geborgenheit für ihre Mitglieder darstellen. Tragischerweise sind sie oft ein Ort, an dem Menschen füreinander gut sein wollen, aber es nicht sein können.Und dennoch können dieselben Familien daneben auch viele Ressourcen aufweisen . Krisen jeglicher Art können für Einzelne und für Familien (oder größere Netzwerke) eine große Katastrophe darstellen und viel Leid verursachen, aber auch einen Neuanfang bedeuten.

Danach ist Raum für viele Erfahrungsberichte. Von psychiatrieerfahrenen Müttern und einem Vater. Von jugendlichen und erwachsenen Kindern psychisch erkrankter Eltern. Mancher Literatur aus dem trialogischen Umfeld wird vorgeworfen, sie würde psychische Erkrankungen verharmlosen, vor lauter Verständnis „weichspülen“. Die schrecklichen und dramatischen Erlebnisse, die damit verbunden sein können, würden ausgeblendet oder schöngeredet.Und auch ich bin schon bei solcher Lektüre unterbrochen worden durch Situationen und Beispiele, an die diese Literatur nicht heranreichte. Das mag vielleicht Sinn machen, wenn es um Abbau von (Selbst-) Stigmatisierung, Vorurteilen oder um Entängstigung geht. Nicht so in diesem Buch. Hier wird nichts beschönigt. Die Berichte sind allesamt berührend, manche sehr erschütternd. Die Erfahrungen sind alle unterschiedlich, dennoch gibt es Gemeinsamkeiten. Gefühle, die oft genannt werden: Scham. Wut.Verzweiflung. Schuldgefühle, auf Seiten der Eltern wie der Kinder. Isolation. Die Belastung durch erzwungenes Schweigen, nach innen wie nach außen. Deutlich wird auch, welche große Rolle für Kinder nichtbelastete Bezugspersonen spielen, auch für die Eltern die Unterstützung von außen. Wer an das Buch mit der Einstellung herangehen will “Kenne ich alles schon“ wird überrascht sein: so finden sich z.B. auch zwei Beiträge über den nicht erfüllten Kinderwunsch psychiatrieerfahrener Frauen. Sowie zwei weitere über Familien, in denen sich Mütter das Leben nahmen. Es ist viel von Versöhnung die Rede, von dem Wunsch nach Versöhnung, aber auch von Unversöhnlichem. Von den Grenzen des Verständnisses. Dennoch macht dieses Buch Hoffnung. Zum einen, weil alle, die berichten, sich eben dazu aufgemacht haben, ihr Schweigen endlich zu brechen. Zum anderen durch die vorgestellten Unterstützungsmaßnahmen am Ende des Buches. Therapeutische Gruppen für die jüngeren Kinder. Angeleitete Selbsthilfegruppen für bereits erwachsene Kinder.
Unterstützungsgruppen für psychiatrieerfahrene Mütter. Ganz am Schluss eine in Anfängen schon verwirklichte Zukunftsvision: Das sog. „Mitmutter-Konzept“.Kompetente krisenerfahrene Mütter, die zum Beispiel eine Ex-In-Ausbildung absolviert haben, unterstützen Mütter, die mit ihren Krisen und dem Gefühl der Überforderung allein stehen. Als Konzept integriert in die psychosoziale Versorgung und Jugendhilfe, von Kostenträgern übernommen. Um auf diesem Weg weiterzukommen finden sich im Anhang hilfreiche Literaturangaben und Internet-Adressen.

Dieses Buch lebt von der Erfahrung. Der Erfahrung der unmittelbar betroffenen Eltern und Kinder, aber ganz wesentlich auch der professionellen Erfahrung der Autorin. Und von ihrer Warmherzigkeit. Aus allen diesen Gründen ist es sehr viel mehr als nur eine weitere Sammlung von Erfahrungsberichten. Sondern ein fundiertes Fachbuch für alle, die mit Familien mit psychisch erkrankten Elternteilen zu tun haben. Für psychiatrieerfahrene Eltern und deren Kindern ist es sicherlich auch ein Gewinn. Und noch ein Tipp: es liest sich sogar hochspannend!

Zu Beginn dieser Besprechung schrieb ich, dass es heutzutage mehr Aufmerksamkeit gibt für Kinder aus psychisch belasteten Familien. Das stimmt wohl nur bedingt. Die Erfahrungen insbesondere in Kliniken und mit Ärzten belegen, dass Kinder als Mitbetroffene und mit ihren Bedürfnissen oft nicht wahrgenommen werden. Dass psychisch erkrankte Menschen nicht in ihrer Elternrolle gesehen werden. Das Thema „gesehen werden“ ist übrigens ein durchgängiges Motiv in diesem Buch. Das wünsche ich mir auch für dieses Buch und für die Menschen, um die es darin geht: viel Aufmerksamkeit!

Sibylle Prins, Bielefeld