Stimmenwelten.
"Brückenschlag" 2005

Hören Sie Stimmen?

Rezension von Sibylle Prins

Der "Brückenschlag" des Paranus-Verlages Neumünster nennt sich zwar "Zeitschrift für Sozialpsychiatrie, Literatur, Kunst", ist aber in meinen Augen eher ein themenbezogenes Jahrbuch, nicht zuletzt deshalb, weil er nur einmal pro Jahr, im Mai, in Buchform erscheint. Schön und professionell gemacht, widmet er sich im Jahr 2005 auf seinen ca. 220 Seiten dem Thema "Stimmenhören". Dass manche Menschen Stimmen hören, die andere nicht hören, ist ein zu allen Zeiten und in allen Kulturen bekanntes Phänomen. Bei uns führt diese besondere Erlebnisweise oft genug zu einer Einweisung in die Psychiatrie und zu einer entsprechenden Diagnose. Das muss aber nicht so sein. Im Brückenschlag "Stimmenwelten" beschreiben stimmenhörende Menschen ihre Erfahrungen, die ganz unterschiedlich aussehen, unterschiedlich erlebt und interpretiert werden, unterschiedlich ausgehen. Da ist jemand, der nur einmal in seinem Leben Stimmen hörte, dann nie wieder. Dann aber auch Menschen, die häufig oder immer Stimmen hören. Beängstigende und bedrohliche Stimmen oder unterstützende und freundliche Stimmen. Stimmen, die "mit sich reden lassen"- oder auch nicht. Stimmen, die nach einer schwer traumatischen Erfahrung erstmals auftraten, solche, die aus dem Nichts zu kommen scheinen. Stimmen die sich verabschieden, die man wegschicken kann, Stimmen, die unbeeinflussbar bleiben. Stimmen, für die man eine Erklärung findet, oder die ein völliges Rätsel bleiben. Sich verändernde oder ewig gleichbleibende Stimmen. Neben den Erfahrungsberichten von Stimmenhörenden stehen auch andere Perspektiven: historische Erfahrungen mit Stimmenhören, z.B. in der Bibel, die Geschichte von Woyczek oder von Bernadette Soubirous, aufgrund deren Visionen und Stimmen der Wallfahrtsort Lourdes gestiftet wurde. Vorstellung des Netzwerks Stimmenhören, in dem sich betroffene Menschen zusammengetan haben, um Erfahrungen auszutauschen, zu einem besseren Umgang mit Stimmen zu finden und gegen Diskriminierung und unnötige Psychiatrisierung zu kämpfen. Ein Aufsatz über die "Voice " Dialogue - Methode", die im niederländischen Zentrum für Stimmenhörer angewandt wird. Dieser Band könnte nicht nur, sondern sollte unbedingt zum Klassiker in Bezug auf das Thema Stimmenhören werden!

Wie immer im "Brückenschlag" also eine höchst anregende Vielfalt. Neben Sach- und Erfahrungsberichten auch Kurzgeschichten, Gedichte und - Bilder. Fotos von Zeichnungen, Malereien, Collagen, Objekten und Skulpturen. Da bleiben kaum Wünsche offen - und abonnieren kann man den Brückenschlag auch .......

 

Brückenschlag – Zeitschrift für Sozialspsychiatrie, Literatur, Kunst.

Stimmenwelten.

Bd. 21/ 2005

Paranus-Verlag Neumünster

ISBN 3-926200-63-4


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