Rezension

Hartwig Hansen (Hg.), Höllenqual oder Himmelsgabe? Erfahrungen Stimmen hörender Menschen,
Paranus-Verlag Neumünster, 2015

Sandra Escher, Marius Romme, Ingo Runte (Hg.), Die Stimmen und ich, Hilfen für jugendliche Stimmenhörer und ihre Eltern.
Balance Buch + Medien-Verlag Köln, 2015.

Gleich zwei Bücher zum Thema „Stimmenhören“. Gibt es denn dazu so viel zu sagen? Diese beiden Bücher zeigen: ja, gibt es. Hier die Publikationen im Einzelnen:

Wenn ich Sammelbände lese, lasse ich mir normalerweise viel Zeit zwischen den einzelnen Beiträgen. Manchmal muss ich mich regelrecht dazu durchringen, weiterzulesen. Bei diesem Buch aus der Erfahrungen-Reihe des Paranus Verlages,“ Höllenqual oder Himmelsgabe? Erfahrungen von Stimmen hörenden Menschen“, herausgegeben von Hartwig Hansen, war das anders: zwar musste ich nach jedem Beitrag eine kurze Pause einlegen, um das Gelesene „sacken“ zu lassen. Aber ich war geradezu begierig darauf, den nächsten Text zu lesen. Achtzehn Erfahrungsberichte von Menschen, die Stimmen hören, sind hier versammelt. Was sich so einheitlich anhört, was psychiatrischerseits lediglich als Krankheitssymptom angesehen und medikamentös bekämpft wird, stellt sich hier ganz anders dar: als eine außergewöhnliche Erfahrung, die höchst individuell ausfällt und ebenso individuell von den stimmenhörenden Menschen verarbeitet wird.

Einige erkennen in den Stimmen Personen oder Ereignisse aus ihrer (schlimmen) Vergangenheit. Andere sehen darin eigene Persönlichkeitsanteile, die normalerweise ausgeblendet werden und die sich auf diese Weise zu Wort melden. Wieder andere sehen in den Stimmen Wesen aus anderen Welten (und wer kann beweisen, dass es diese anderen Welten nicht gibt?).

So persönlich und unterschiedlich sind die Erfahrungen, dass eine der Autorinnen von einem „persönlichen Fingerabdruck“ spricht – ein Motiv, das der Herausgeber Hartwig Hansen in seinem Nachwort aufgreift, in dem er die einzelnen Aussagen (manchmal geradezu konträren – wie es auch der Buchtitel schon nahelegt) nebeneinanderstellt und Gemeinsames wie auch Trennendes benennt und das Buch mit einem sehr schönen Gedicht von C. Nissen zum Stimmenhören beschließt.

Etliche der stimmenhörenden Autor/inn/en haben sich auf die Suche gemacht nach der eigentlichen „Botschaft“ der Stimmen: Was wollen sie ihnen sagen? Es wird aber gleichzeitig auch klar, dass das nicht mit einer „Kurzschlusspsychologie“ möglich ist. So schreibt Vera Erden (S. 26): „Ich bin innerlich zerrissen, wenn Menschen denken, dass die Stimmen meine eigenen Gedanken sind.“

Viele der Autor/inn/en hatten aufgrund des Stimmenhörens Kontakt mit der Psychiatrie, die nur selten als hilfreich erlebt wurde, manchmal alles noch schlimmer machte. Profitiert haben die meisten vom Austausch mit anderen Stimmenhörenden und der Arbeit des Netzwerks Stimmenhören, das auch zu Mitarbeit zu diesem Buch aufgerufen hatte.

Erleichtert war ich, dass in dem Buch nicht nur „Gewinnergeschichten“ enthalten sind, sondern auch mal jemand schreibt, es sei ihm/ihr nicht gelungen, die Stimmen zu steuern oder mit ihnen in einen Dialog zu treten oder gar ihre tiefere Bedeutung zu entschlüsseln. Dass es ihm oder ihr schlecht geht mit dem Stimmenhören. Andere aber möchten ihre Stimmen nicht mehr missen. Hochinteressant fand ich, dass einige schreiben, sie hätten von ihren Stimmen, und zwar gerade von den negativen, viel gelernt.

Ich fand das Buch faszinierend zu lesen: das Thema Stimmenhören wirkt hier wie ein Brennglas, durch das Menschen die Leser/innen sehr intensiv an ihrem Innenleben teilhaben lassen. Ein Buch, in dem man solche tiefen Einblicke in das Seelenleben der Verfasser/innen bekommt, habe ich selten gelesen. Dass es für die stimmenhörenden Verfasser/innen nicht immer leicht war, über ihre Stimmen zu schreiben bzw. sich mitzuteilen, geht u.a. aus dem Vorwort hervor, in dem auch die Geschichte der Idee zu diesem Buch (ursprünglich angeregt von Andreas Gehrke, dem Verfasser von „Aufbruch aus dem Angstkäfig – Ein Stimmenhörer berichtet“) erzählt wird.

Das Buch sollte zur Pflichtlektüre für Psychiater/innen werden – und zwar in der Ausbildung, nicht erst, wenn die werten Damen und Herren in Rente sind und sich gegen die Langeweile auch mal etwas „Betroffenenliteratur“ zu Gemüte führen. Ich wünsche diesem Buch wirklich viele Leser/innen: Stimmenhörende, damit sie erkennen, dass sie mit ihrem Erleben nicht allein sind und dass Stimmenhören nicht immer und nicht nur „Höllenqual“ bedeuten muss. Professionelle Helfer, damit sie mit den Stimmenhörerenden besser ins Gespräch kommen. Und Nicht-Stimmenhörende, damit sie dieses Phänomen aus erster Hand kennenlernen können und Vorurteile und Stigmatisierung abgebaut werden. Welcher Gruppe die Leser auch angehören mögen – es erwartet sie ein beeindruckendes Leseerlebnis!

In der Botschaft ähnlich gelagert, aber ganz anders angefangen und umgesetzt, ist dann das Buch aus dem Balance-Verlag von Escher/Romme/Runte, „Die Stimmen und ich. Hilfen für jugendliche Stimmenhörer und ihre Eltern“. Die ersten beiden (niederländischen) Autor/innen sind schon bekannt für ihre umfangreichen Forschungen und Publikationen zum Phänomen des Stimmenhörens. In diesem Buch geht es um Kinder und Jugendliche, die Stimmen hören, und die dadurch Probleme bekommen. Der erste Teil des Buches richtet sich direkt an die stimmenhörenden Kinder/Jugendlichen. Wobei es natürlich irgendwo im Vorfeld einen verständnisvollen und einfühlsamen (und vielleicht besorgten) Erwachsenen geben muss, der ihnen dieses Buch in die Hand drückt. In diesem Teil erfahren die jungen Leser/innen anhand von Aussagen anderer Stimmenhörer, dass sie damit nicht allein sind, wie unterschiedlich andere das erleben, und dass man darüber überhaupt sprechen kann, ohne gleich das Schlimmste befürchten zu müssen. Dieser Teil enthält zudem eine Reihe von Erfahrungsgeschichten, die ich mutmachend fand: es werden nämlich Situationen geschildert, die ich als Kind/Jugendliche wahrscheinlich als ausweglos, nicht änderbar erlebt hätte. Aber in diesen realen Geschichten geschieht dann etwas: entweder kann der Betroffene etwas in seinem Verhalten oder seinen Ansichten ändern, oder die umgebenden erwachsenen (Eltern, Lehrer) ändern etwas oder es geschehen Veränderungen in der Umwelt, die diese Sackgassen wieder auflösen. Es ist übrigens nicht Ziel der Autor/innen die Stimmen unbedingt „wegzumachen“. Vielmehr liegt ihnen sehr viel daran, dass die Stimmenhörenden wieder die Oberhand, die Kontrolle bekommen – über sich, über ihr Leben – und nicht länger von den Stimmen dominiert bis tyrannisiert werden. Hierfür geben sie auch zahlreiche Tipps, die ich nicht nur für Stimmenhörer selbst nützlich finde, sondern auch für Menschen, die Stimmenhörer unterstützen wollen.

Durch das ganze Buch hindurch zieht sich die Ansicht der Verfasser/innen, die das Stimmenhören nicht als „Symptom“ einer Erkrankung und schon gar nicht einer schizophrenen Erkrankung gesehen wissen wollen. Vielmehr ist für sie das Stimmenhören vorrangig eine Reaktion auf unverarbeitete Emotionen, belastende Ereignisse, Konflikte oder schwierige Entwicklungsschritte. Mit zahlreichen Beispielen belegen sie diese Thesen. Sie schöpfen bei ihrer Arbeit u.a. aus einer dreijährigen Untersuchung an 80 stimmenhörenden Kindern und Jugendlichen, sowie aus dem Material, dass das „Maastrichter interview“, speziell für Stimmenhörer konzipiert, lieferte . Neben dieser eher psychologischen Sichtweise sind sie auch offen dafür, wenn Betroffene paranormale Erklärungen für sich finden, und berichten davon, wie manche erst wirkliche Hilfen gefunden haben bei eher „esoterischen“ Therapeut/innen. Ich weiß nicht, wie offen die niederländische Psychiatrie dafür ist, in Deutschland kann ich mir vorstellen, dass das eher belächelt oder abgelehnt wird. Aber gilt nicht: wer heilt, hat recht? Eine Frage, die für mich offen blieb war allerdings, wer diese ganzen alternativen Therapien wohl bezahlt - bei uns muss man das selbst tun.

In dem Buchteil für die Erwachsenen – Eltern, andere Angehörige, Lehrer, Therapeuten, finden sich aus ausführlich Erklärungen zum Stimmenhören, längere Erfahrungsberichte von Eltern (nur Mütter), eine Geschichte des Stimmenhörens und des Schizophreniebegriffs und eine Darstellung, wie Stimmenhören von unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen gesehen wird oder gesehen werden kann. Ob diese Theorieteile für Eltern wirklich von Interesse sind, mag man bezweifeln, aber für fachlich Interessierte sind sie es auf jeden Fall. Es werden alternative Therapieformen vorgestellt, das Maastrichter Interview, und es gibt ein Interview mit einer Therapeutin über ihre Erfahrungen. Das Kapitel von Ingo Runte, der das Buch auch übersetzt hat, über den Umgang mit dem Stimmenhören im „Offenen Dialog“, rundet die lohnende Lektüre ab.

Zwei Bücher, ein Thema. Ich wünsche beiden Büchern viele Leser/innen aller Gruppierungen. Und hoffe, dass sie dazu beitragen, dass das Stimmenhören endlich aus der Krankheits-, vor allem der Schizophrenie-Ecke rauskommt. Es wäre an der Zeit.

Sibylle Prins


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