Wolfgang Werner:
Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist

Kleinod

Rezension von Sibylle Prins

Zweisprachige Bücher- das gibt es natürlich öfter. Etwa englisch-deutsch, französisch deutsch...niederländisch-deutsch, wie dieser schmale Band, so etwas ist dann aber schon ziemlich selten. Zustande gekommen ist dies deshalb, weil die im Buch enthaltenen Texte des deutschen Autors zunächst in einer niederländischen Zeitschrift als Kolumne erschienen. In einer psychiatrischen Zeitschrift, und das Buch trägt auch den Untertitel "psychiatrisches Alphabet". Empfehlen kann man es aber auch dem psychiatrisch unbeleckten Leser. Der Autor, Wolfgang Werner, findet zu jedem Buchstaben des Alphabets ein Stichwort, und zu jedem Stichwort eine mal sehr kurze, mal ausführlichere Begebenheit aus dem Leben eines Kurt Valentin. Dessen Lebensweg ist also das Thema, und Psychiatrie kommt auch darin vor- aber eben nicht nur Psychiatrie, sondern vieles andere, was eben so zum Leben gehört. Mein Lieblingstext ist übrigens "U wie Unvollkommenheit". Diese kurzen Geschichten - meist sind sie Fragestellungen, denen der Leser nachgehen kann, wenn er will. Oder sogar philosophische Abhandlungen en miniature. Natürlich ganz ohne abgehobene Abstraktereien, sondern oft an sehr alltäglichen, ja manchmal fast banalen Ereignissen entlang entwickelt. Darüber hinaus ist das Buch noch schön gemacht, und versehen mit unaufdringlichen, aber ebenfalls zum Verweilen und Nachdenken einladenden Bildern von Heinz Mölders. Nein, kein Buch, welches man unbedingt haben "muss". Aber eines, das sich lohnt, das Freude macht, zu dem man immer mal wieder greifen möchte, um ein oder zwei oder drei dieser Alphabetgeschichten nachzulesen.

Noch eine Anmerkung für diejenigen Leser/innen, welche, wie die Rezensentin, beide Sprachen beherrschen, und womöglich sogar noch etwas Einblick in das psychiatrische Feld haben. Beide Textfassungen, die deutsche wie die niederländische, sind natürlich vom objektiven Inhalt her gleich. Aber wie das so ist, bei verschiedenen Sprachen: Der übersetzte Satz, dieselbe Vokabel in der einen Sprache, rufen ganz andere Bilder, Szenen, Emotionen im Leser hervor als die anderssprachige Fassung. Jede der beiden Sprachen verströmt ihr eigenes Fluidum, jede der jeweiligen Fassungen schafft eine eigene Atmosphäre. Vielleicht kein sehr großer, aber doch ein merkbarer Unterschied. Und das paßt dann wieder gut zum Thema Psychiatrie. Nicht nur für die Patienten und Klienten in der Psychiatrie ist nämlich die - schwer fassbare, noch schwerer machbare - Atmosphäre in einer Klinik oder einer anderen Einrichtung oft das allerwichtigste. Das, was kaum erzählbar und doch so deutlich spürbar ist, fällt am meisten auf. Bleibt am meisten in Erinnerung. Unter diesem Aspekt des Atmosphärischen ist die Verbindung zweier sprachlicher Welten, dazu einer biografischen und der psychiatrischen Welt in dem Buch besonders gelungen.


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