Sibylle Prins

Sibylle Prins


Aktiv sein in der Selbsthilfe (Auszug, mit freundlicher Genehmigung des Psychiatrie-Verlages)

Sibylle Prins

Ich möchte an den Anfang meines Beitrags zwei Zitate stellen, die beispielhaft die Bedeutung der Selbsthilfe gerade für psychisch beeinträchtigte Menschen herausstellen:

"Als ich meinen Job verlor, fiel ich in ein tiefes Loch. Durch die Arbeit in der Selbsthilfe habe ich wieder eine sinnvolle Tätigkeit und eine Tagesstruktur gefunden. Außerdem kann ich meine Ausbildung als Sozialarbeiterin dabei gebrauchen, mit einzelnen Menschen und Gruppen zu arbeiten, das macht mir am meisten Spaß. (Dörthe Dreppenstedt)

"Es ist eigenartig, wie aus mir nahezu ein "Profi-Betroffener" geworden ist. Ich weiß manchmal gar nicht mehr so recht, wo mir der Kopf steht vor lauter Terminen, Aufgaben, Pflichten. Aber es macht Spaß. Enorm großen Spaß. Mir begegnen fast täglich neue und interessante Menschen. (...) Ich bekomme auch immer wieder Bestätigungen, ohne die es langfristig nicht geht." (Rainer Höflacher)

"Für mich selbst ist die Selbsthilfe inzwischen sogar zum Berufsersatz geworden." Selbsthilfe scheint also eine Menge bieten zu können.

Whirlpool

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Arbeitsfelder der Selbsthilfe

Die "eigentliche" Selbsthilfe

Auch wer noch nie eine Selbsthilfegruppe (SHG) besucht hat, hat doch eine Vorstellung davon, was das ist und wie eine solche Gruppe funktioniert: Da kommen Menschen mit einem speziellen Problem regelmäßig zusammen, um sich ohne professionellen Beistand über ihre Schwierigkeiten, Erfahrungen und Bewältigungsmöglichkeiten auszutauschen. In solch einer Gruppe werden sowohl ähnliche wie auch ganz verschiedene Erlebnisse zusammengetragen und die Gruppenmitglieder versuchen sich gegenseitig zu unterstützen. Im Prinzip unterscheidet sich darin eine Selbsthilfegruppe Psychiatrie-Erfahrener nicht von anderen Selbsthilfegruppen. Allerdings: In der psychiatrischen finden sich natürlich Menschen mit ganz unterschiedlichen Problemen.

Die meisten SHGs für Psychiatrie-Erfahrene sind für alle "Diagnosen" offen. Es hat sich aber gezeigt, dass sich in diesen Gruppen oft Menschen mit psychotischen Erfahrungen zusammenfinden, während Menschen mit anderen Diagnosen häufig eher in spezialisierten Gruppen anzutreffen sind, zum Beispiel in Gruppen für Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Zwängen, Borderline-Symptome, traumatische Erfahrungen usw. Menschen, die Stimmen hören, haben inzwischen ein eigenes Netzwerk gegründet, und es scheint sich ein neues Selbsthilfenetz für Menschen mit manisch-depressiven Krisen zu entwickeln. Hier geht es also meist vorrangig darum, mit den eigenen Erfahrungen umzugehen. Für viele der Mitglieder nimmt der Besuch der Gruppe eine außerordentliche Bedeutung ein. Warum?

Kontakte: Einer der wichtigsten Effekte der Selbsthilfe sind die vielen informellen Kontakte, die sich dabei entwickeln können. Psychiatrie-Erfahrene geraten häufig durch Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung und Stigmatisierung in eine sozial isolierte Situation. In der Selbsthilfebewegung schließen viele Menschen neue Bekanntschaften und Freundschaften, bis hin zu Paarbeziehungen. Das Verständnis und die Toleranz gegenüber psychischen Problemen ist unter den Betroffenen oft - nicht immer - eben doch recht groß. Diese neuen Kontakte kann man natürlich nicht als Selbstverständlichkeit erwarten oder einfordern, aber sie ergeben sich eben häufig. In diesen Beziehungen geht verläuft alles nach Sympathie und die eigentliche Krankheitsgeschichte bzw. Psychiatrie-Erfahrung tritt meist nach einiger Zeit in den Hintergrund. Es geht dann vielmehr um gemeinsame Freizeitgestaltung, Interessen und Hobbys oder auch um gegenseitige (!) Unterstützung im Alltag:

  • bei größeren Aktionen wie etwa Umzüge und Renovierungen,
  • Begleitung bei Angst machenden Terminen (z.B. Behörden),
  • Hilfestellungen in Krankheitszeiten,
  • Hilfestellungen bei denjenigen Aufgaben, bei denen ein anderer kompetenter ist als man selbst (Hilfestellung beim Computer, beim Hausputz, Transporte usw.).
  • Solche neuen Kontakte zu finden und zu pflegen verlangt natürlich etwas Eigeninitiative und eine gewisse Neugier.

    Hilfen bei Krisen: Natürlich finden viele Psychiatrie-Erfahrene innerhalb der Selbsthilfe auch Ansprechpartner und -partnerinnen für auftretende psychische Schwankungen, sei es durch Telefonate, Besuche oder umfangreichere Hilfestellungen. Hierbei muss der "Hilfesuchende" allerdings aufpassen, den anderen nicht als "seelischen Mülleimer" zu missbrauchen, und der Gesprächspartner bzw. Begleiter sollte sich Gedanken darüber machen, wie weit seine Hilfsbereitschaft wirklich kann und soll. Bei Überforderungsgefühlen sollte er auch deutlich werden lassen, dass die Grenze erreicht ist. Einige Verbände und Gruppen von Psychiatrie-Erfahrenen bieten mittlerweile auch regelmäßige Beratungsstunden an - verwiesen sei hier als stellvertretendes Beispiel auf die Psychopharmaka-Beratung des Bundesverbandes der Psychiatrie-Erfahrenen (BPE).

    Für viele Psychiatrie-Erfahrenen ist es in Klinikphasen außerdem eine gute Erfahrung, von Selbsthilfebekannten Besuch zu bekommen oder von diesen bei der Aufnahme in die Klinik (oder bei Gesprächen mit Professionellen) begleitet zu werden. Es gibt mittlerweile auch schon einige Erfahrung, bei denen Psychiatrie-Erfahrene andere Betroffene in der Krise begleitet haben, ohne dass ein Klinikaufenthalt nötig geworden ist, indem eine kleine, vertraute Gruppe - also kein Einzelner - den Betroffenen rund um die Uhr begleitete. Hierfür ist es allerdings nötig, vorher diese Situation und die eventuell auftretenden Schwierigkeiten möglichst genau durchzusprechen und Absprachen über das Verhalten in Grenzfällen (z.B. Aggressivität oder Konflikte zwischen Betroffenem und Begleitern) zu treffen. Es sollte ebenfalls überlegt werden, ob und wann man bei dieser Form von Selbsthilfe doch lieber professionelle Hilfe in Anspruch nimmt.

    Austausch: Eine Veranstaltungsform, die sich zwischen dem privat-persönlichen Austausch in einer SHG und einer politischen Interessenvertretung angesiedelt ist, sind die Psychose-Seminare. Diese finden sich inzwischen an ca. 120 Orten im deutschsprachigen Raum. Manchmal finden sie in psychiatrischen Einrichtungen statt, oft aber auch außerhalb der zum Beispiel in einer Volkshochschule oder in einem Bürgerzentrum. Der Gedanke ist der, dass diejenigen, die bei einer psychotischen Krise beteiligt sind - Psychose-Erfahrene, Angehörige/Freunde und psychiatrische Mitarbeiter - sich außerhalb des aktuellen Behandlungsrahmens auf gleichberechtigter Ebene treffen und ihre jeweils oft sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven miteinander austauschen.

    In der Regel stehen die Psychose-Seminare auch interessierten Bürgerinnen und Bürgern des Ortes offen. Idealerweise ist die Vorbereitungs- und Moderationsgruppe auch trialogisch besetzt. Es haben sich jedoch inzwischen von Ort zu Ort unterschiedliche Traditionen des Vorgehens herausgebildet: in einigen Städten wird weniger Wert auf das Erzählen der persönlichen Geschichte gelegt, sondern es werden Referenten zu Themen eingeladen, die für alle drei beteiligten Parteien interessant sind. Die Teilnahme an einem Psychose-Seminar lohnt sich auf jeden Fall - und vielleicht mögen Einzelne sich dann doch gern an Gründung oder Vorbereitung und Moderation beteiligen.

    Selbsthilfe als (politische) Interessenvertretung

    Neben dieser "klassischen" Selbsthilfe, bei der es um Kontakte, Erfahrungsaustausch, Umgang mit Krisen, Alltagsproblemen und auch um Freizeitgestaltung geht, gab es in der organisierten Betroffenenbewegung von Beginn an noch einen weiteren Motivationsstrang. Die Bewegung formierte sich ursprünglich auch als Protestbewegung und speist sich ganz wesentlich aus einem psychiatriekritischen Potenzial. Unter anderem bedeutete das, dass wir nicht länger nur "Objekt" von Behandlungsformen und Institutionen sein wollten, denen wir uns unterordnen sollen, sondern wir wollen an Planungen, Entscheidungen und Gestaltungen der psychiatrischen Behandlung beteiligt werden, wie es ja das Recht eines jeden Bürgers ist. Allmählich beginnt sich das zu verwirklichen. In einigen Regionen sind Psychiatrie-Erfahrene in den wichtigsten psychiatriepolitischen Gremien vertreten, etwa in kommunalen Psychiatrie-Beiräten, regionalen psychosozialen Arbeitsgemeinschaften, Klinikbeiräten etc.

    Auch auf Landes- und Bundesebene versuchen Psychiatrie-Erfahrene Einfluss auf politische Entwicklungen und Gesetzesvorhaben zu nehmen. In einigen Bundesländern sind Psychiatrie-Erfahrene inzwischen an den Besuchskommissionen, welche die Klinken regelmäßig inspizieren, beteiligt. Es ist vielleicht nicht jedermanns Sache, sich auf dieser Ebene politisch zu betätigen, aber "der Appetit" kommt zuweilen doch beim Essen. Diejenigen, die zuerst unsicher in solche Gremien "hineingeschlittert" sind, merken dann bei der Arbeit wie viel Neues man dort lernen kann und dass das eigene Engagement mitunter (!) wirklich lohnend ist. Einigen mag solche Gremienarbeit allzu trocken vorkommen, etwa wenn die Umsetzung neuer Gesetze diskutiert wird. Allerdings ist es oft so, dass in oberflächlich "langweiligen" Sitzungen die wirklich wichtigen Entscheidungen getroffen werden, die sich dann später ganz gravierend auf einzelne Betroffene auswirken. Generell ist es natürlich von Vorteil, wenn man von vornherein ein Interesse an politischer Arbeit mitbringt oder sogar Vorerfahrungen auf diesem Gebiet hat.

    Wer nicht so sehr daran interessiert ist, Politik "nach außen" zu machen, mit Politikern, Chefärzten und Geschäftsführern zusammenzutreffen: Die jeweiligen Landesverbände und der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener sind immer offen für neue Mitstreiter und Mitstreiterinnen, denn da sind:

  • die Vorstände turnusmäßig zu besetzen,
  • Rundbriefe mitzugestalten,
  • Mitgliederversammlungen, Tagungen, Workshops oder andere Aktionen wie Unterschriftensammlungen oder Demonstrationen zu organisieren sowie
  • zahllose Themen zu erarbeiten, mit denen sich Arbeitsgruppen beschäftigen.
  • Wer also interessante oder wichtige Kenntnisse und Erfahrungen mitbringt, kann diese natürlich selbst in solche Foren einbringen und Arbeitsgruppen o.Ä. anbieten. Wobei es nützlich ist, diese Verbände und Arbeitsformen erst einmal als gewöhnliches Mitglied oder Teilnehmer kennen zu lernen, bevor man sich daran macht, diese Organisationen "auf den richtigen Weg bringen" zu wollen.

    An dieser Stelle auch ein Hinweis auf das Europäische Netzwerk ENUSP (european network of users an survivors of psychiatry), dessen Diskussionen man nicht nur per Mailingliste verfolgen kann, sondern welches auch europäische Tagungen für Psychiatrie-Erfahrene ausrichtet. Ein Blick über den Tellerrand und der Austausch mit Psychiatrie-Erfahrenen aus dem europäischen Ausland kann auch interessante Erkenntnisse und Erfahrungen erbringen. Vielleicht hat der eine oder die andere sich schon immer Auslandskontakte gewünscht. Und: Ein weltweites Netzwerk gibt es natürlich auch: WNUSP.

    Nun wird es Leute geben, die sagen: "Das ist mir alles zu abstrakt. Ich möchte lieber etwas tun, was direkt einzelnen Psychiatrie-Erfahrenen zugute kommt." Dann könnte beispielsweise die Mitarbeit in einer unabhängigen Beschwerdestelle in Frage kommen, von denen es bereits einige gibt. Diese Beschwerdestellen, die von psychiatrischen Trägern unabhängig sein sollen - häufig sind sie an so genannte Patientenstellen oder Gesundheitsläden angegliedert -, nehmen Beschwerden von Psychiatrie-Erfahrenen und/oder Angehörigen über psychiatrische Behandlung und Betreuung auf, und versuchen für den Beschwerdeführer eine Klärung herbeizuführen. Die Möglichkeiten der Beschwerdestellen enden dort, wo die Einschaltung eines Rechtsanwaltes oder ein Gerichtsverfahren notwendig wird. Über die Gründung und Arbeitsweise kann man sich bei den bereits bestehenden Beschwerdestellen informieren.

    Daneben bietet sich die Möglichkeit, in Projekten und Initiativen mitzuarbeiten. So gibt es in mehreren Städten Gruppen oder sogar Vereine, die sich zum Ziel gesetzt haben, alternativ zur psychiatrischen Klinik Weglauf- oder Krisenhäuser einzurichten, ggf. auch nur eine "Krisenwohnung" oder "Krisenzimmer".

    Öffentlichkeitsarbeit

    Öffentlichkeit fängt streng genommen dort an, wo man über die eigene Person hinausgeht, also im allernächsten Umkreis: Familie, Freundeskreis und eventuell gehören noch Nachbarn und/oder Kollegen dazu. Nun ist es nicht ratsam, in diesem nahen sozialen Umfeld ständig nur über die eigene Psychiatrie-Erfahrung zu reden oder im Stadtviertel bzw. am Arbeitsplatz damit hausieren zu gehen, aber es ergibt sich doch oft die Notwendigkeit, in irgendeiner Form darüber sprechen oder sich sogar outen zu müssen. Damit es nicht zu einer Verstärkung der Stigmatisierung kommt, ist es auch bei dieser Form von "Öffentlichkeitsarbeit" nötig, sich Folgendes zu überlegen:

  • Was will ich sagen? (Botschaft)
  • Mit wem habe ich es zu tun? (Zielgruppe)
  • Wie bringe ich mein Anliegen rüber? (Medium und Gestaltung)
  • Wer noch ganz unsicher ist auf dem Gebiet, mit anderen oder gar fremden Menschen über die eigene Psychiatrie-Erfahrung zu sprechen, kann hierzu in den oben erwähnten Psychose-Seminaren oder in der Selbsthilfegruppe Wesentliches lernen. Damit bin ich wieder bei der Selbsthilfegruppe angelangt, die natürlich auch auf sich und ihr Anliegen aufmerksam machen muss: vielleicht durch eine Pressenotiz, Aushänge für Klinik, Tagesstätte, Kontaktstelle, durch Flyer, die an Interessierte weitergegeben werden können. Je ansprechender diese Materialien in Text und Lay-out gestaltet sind, desto eher haben sie eine Chance, nicht gleich im Papierkorb zu landen. Also tut sich dort auch ein Betätigungsfeld auf, was sich noch erweitert, wenn Einladungen zu Veranstaltungen geschrieben werden sollen etc. Ähnliches gilt für die Gestaltung eines Standes bei Veranstaltungen.

    Eine Art , sich an eine Öffentlichkeit zu wenden, bieten die Selbsthilfezeitungen für Psychiatrie-Erfahrene, von denen es längst eine ganze Reihe gibt. Die meisten dieser Zeitungen, die in Umfang und Aussehen ganz verschieden sind, veröffentlichen Erfahrungsberichte, Buchbesprechungen, manchmal auch Filmtipps oder Berichte von Veranstaltungen. Meistens gibt es auch noch einen literarischen Teil, in dem Gedichte und Kurzgeschichten abgedruckt werden. Die Möglichkeiten zur Mitarbeit sind wieder vielfältig: Man kann zu Hause bleiben und lediglich Texte oder grafisches Material (Zeichnungen, Bilder, Fotos) einsenden und den Rest der Redaktion überlassen. Vielleicht möchte man aber lieber gleich in der Redaktion mitarbeiten und damit an der Auswahl der Texte bzw. der Gestaltung des Blattes beteiligt sein. Andere interessieren sich vielleicht stärker für Lay-out und Gestaltung. Es gibt inzwischen leicht handhabbare und nicht einmal sehr teure Software speziell für die Gestaltung solcher Vereinszeitungen. Und dann muss es natürlich auch noch jemanden geben, der sich um die Finanzierung, eventuell den Verkauf und Vertrieb kümmert.

    Natürlich besteht die Möglichkeit, auf die psychiatrische Öffentlichkeit allgemein einzuwirken. Dazu bieten sich in erster Linie "trialogisch" (professionell Tätige, Angehörige, Betroffene) angelegte Fachzeitschriften an, die in gewissem Umfang (kurze) Erfahrungsberichte oder auch Sachtexte von Psychiatrie-Erfahrenen abdrucken. Allerdings können aus Platz- und Qualitätsgründen nicht alle Beiträge aufgenommen werden, meistens müssen die Texte dann zudem zum Schwerpunktthema des Heftes passen. Zu nennen wären hier die Soziale Psychiatrie oder die Psychosoziale Umschau.

    Für einige Psychiatrie-Erfahrene ergibt sich auch die Möglichkeit, an kleineren oder größeren psychiatrischen Tagungen als Referierende teilzunehmen. Besonders wenn es sich um Tagungen in der eigenen Stadt/Region handelt, ist es gut, wenn sich dort Psychiatrie-Erfahrene bereit finden, aus ihrer Sicht zu berichten. Ebenfalls gibt es einige aufgeschlossene Institutionen, die Psychiatrie-Erfahrene für die Psychiater- und Mitarbeiterausbildung hinzuziehen. Wo das noch nicht geschieht, kann man ja seine Mitwirkung als "Erfahrungsprofi" hartnäckig anbieten.

    Einen Schnittpunkt zwischen psychiatrischer und allgemeiner Öffentlichkeit ist die Präsenz im Internet. Da kann man an Chats, Foren, Mailinglisten teilnehmen, Erfahrungsberichte bzw. literarische und künstlerische Produktionen einstellen oder einfach nur surfen. Einzelne Psychiatrie-Erfahrene, Selbsthilfegruppen und die Betroffenenverbände haben vielfach auch eigene Homepages. So eine Homepage muss nicht nur inhaltlich konzipiert werden, es braucht auch jemanden, der für die technische Umsetzung und Pflege der Seite zuständig ist.

    Eine besondere Form der Öffentlichkeitsarbeit ist das Berichten von Psychiatrie-Erfahrenen über psychische Krisen und psychiatrische Behandlung vor (Fach-)Schulklassen und Studiengruppen. erfolgen in Kooperation mit den Lehrern, auch psychiatrischen Mitarbeiter/innen meist innerhalb einer Unterrichtsreihe zum Thema Psychiatrie oder "Seelische Gesundheit". Dabei hat man als Psychiatrie-erfahrener die Gestaltung des erichtes und der Diskussion weitgehend selbst in der Hand Wem es Spaß macht, mit Gruppen von jungen Menschen zu arbeiten und zu diskutieren, für den ist das eine lohnende Angelegenheit.

    Einige allgemeine Sätze zum Thema Öffentlichkeit: Viele stellen sich die Frage,, ob sie durch solches "Outing" nicht Nachteile erfahren könnten. Es ist z.B. verständlich, wenn Psychiatrie-erfahrene keine Öffentlichkeit wünschen, weil sie familiäre, berufliche oder sonstige soziale Schwierigkeiten befürchten. Ob diese auftreten oder auch nur erwartbar sind, hängt sehr von der jeweiligen Situation ab, in der man lebt und von dem Medium, mit dem man an die Öffentlichkeit geht. Briefe oder Texteinsendungen sollten trotzdem nicht anonym erfolgen, da sie dann keine Chance haben, gedruckt zu werden. Man kann aber die Redaktionen bitten, den Namen zu verschweigen oder ein Pseudonym benutzen. Auch kann man Journalisten bitten, den Namen nicht zu nennen und nicht zu fotografieren. Ferner kann man sich auf eine begrenzte und "geschützte" Öffentlichkeit beschränken. Ein Erfahrungswert: da man bei diesen eher geregelten Formen der Öffentlichkeit eine ganz andere Rolle hat, und nicht als bedauernswerter/ abzulehnender "psychisch Kranker" auftritt, sondern als "Experte aus Erfahrung" sind negative Reaktionen von Seiten des Publikums sehr selten.

    ausgestiegen

    ausgestiegen

    Kreative und künstlerische Tätigkeit

    Viele Psychiatrie-Erfahrene widmet sich kreativen Beschäftigungen wie Malen, Schreiben oder Kunsthandwerklichem. Es tut nicht nur gut, inneres Erleben nach außen zu bringen, sondern solche Tätigkeiten strukturieren Empfindungen und Alltag, bringen - manchmal wortwörtlich - Farbe ins Leben, verschaffen mitunter neue Einsichten und machen einfach auch Spaß. Wie kann man innerhalb der Selbsthilfe diesen Bereich erweitern, Kontakte finden oder an die Öffentlichkeit gehen?

    Bevor die luftigen Höhen eher anspruchsvolleren künstlerischen oder literarischen Schaffens beleuchtet werden, erst wieder ein Blick auf das Alltägliche: Miteinander oder füreinander zu kochen und zu backen schafft Nähe und eine gesellige Atmosphäre. Man kann sich auch mit Schneidern, Tischlern, der Herstellung von Dekorationen oder Schmuck, kleineren Reparaturen (am besten im Rahmen einer Tauschbörse (siehe dazu den Beitrag von P. Weber zu Zuverdienstmöglichkeiten), damit man nicht in Konflikt kommt mit gewerblichen Anbietern) und allen anderen handwerklichen oder kunsthandwerklichen Produkten beliebt machen. In manchen Zusammenhängen kann man damit dann auch getrost über die Selbsthilfeszene hinausgehen und ein wenig hinzuverdienen - etwa wenn man Selbsthergestelltes auf Flohmärkten anbietet oder sich mit entsprechenden Kleinunternehmen (z.B. Möbelaufarbeitung) zusammentut.

    Diejenigen, die sich stärker künstlerischer Arbeit widmen, haben verschiedene Möglichkeiten: Viele psychiatrische Einrichtungen - meist weniger die großen Kliniken, oft aber Tagesstätten und Kontaktstellen - haben durchaus Interesse, Bilder oder Skulpturen von psychiatrieerfahrenen Künstlerinnen und Künstlern aus- bzw. aufzustellen. Einfach mal nachfragen, also! Manche Künstler allerdings fühlen sich eingeengt und abgestempelt, wenn sie "nur" innerhalb der Psychiatrie ausstellen sollen. Das ist eine verständliche Haltung, trotzdem sollte man sich überlegen, ob nicht diese besondere Öffentlichkeit besser ist als gar keine Öffentlichkeit. Mehr noch: Manche größeren psychiatrischen Einrichtungen haben auch "Kunsthäuser", Kunstwerkstätten, Ateliers o.Ä., die zum einen Ausstellungen organisieren, die für die allgemeine Öffentlichkeit zugänglich sind, oft aber auch gute Kontakte zur lokalen Kunstszene, sodass von dort aus der "Sprung" von einer rein psychiatrisch interessierten Öffentlichkeit in die Allgemeinheit vorbereitet werden kann. Bei entsprechendem Erfolg ergeben sich vielleicht Kontakte, die sonst nicht möglich wären.

    Für diejenigen, denen die Kunst zum Lebensinhalt geworden ist oder werden soll, empfiehlt es sich, nach Ausstellungsmöglichkeiten außerhalb der psychiatrischen Öffentlichkeit Ausschau zu halten, und eventuell sogar einer Künstlergruppe oder einem -verband beizutreten. Wobei dann eine einigermaßen realitätsgerechte Einschätzung der Werke vonnöten ist - wer eher hobbymäßig liebliche Landschaftsbilder und Blumen malt, ist in einer Gruppe, die sich der Avantgardekunst verschrieben hat, fehl am Platze und umgekehrt. Ein Projekt, bei dem psychiatrieerfahrene Künstler und Künstlerinnen finanziell gefördert werden sollen, existiert zumindest schon virtuell, nämlich im Internet (www.kuenstlerpatenschaften.de)

    Denjenigen, denen das Schreiben am Herzen liegt, stehen natürlich diejenigen Möglichkeiten offen, die sich allen Autoren bieten - oder eben nicht bieten, denn: Die Konkurrenz ist enorm groß. Deshalb sei hier noch einmal auf die oben erwähnten Selbsthilfezeitungen verwiesen. Des Öfteren gibt es auch Schreibaufrufe oder Buchprojekte, die sich speziell an Psychiatrie-Erfahrene wenden. In dem Zusammenhang soll der Brückenschlag - Zeitschrift für Sozialpsychiatrie, Literatur und Kunst des Paranus-Verlags genannt werden. Dies Zeitschrift erscheint einmal jährlich in Buchform, zu jeweils einem Schwerpunktthema. Neben Texten aller Art werden auch in gewissem Umfang Fotos von Bilder, Objekten und Skulpturen darin abgedruckt.

    Malen, Bildhauern, Schreiben - es gibt noch andere Möglichkeiten, sich künstlerisch auszudrücken, zum Beispiel über Film, Theater, Musik. Bundesweit bekannt ist zum Beispiel die Blaumeier-Theatergruppe aus Bremen, aber an etlichen Orten gibt es weitere Theaterprojekte, die zum Teil von psychiatrischen Mitarbeitern oder aber von professionellen Theatermachern geleitet werden. Wer traut sich auf die Bühne? Und wenn es weit und breit nichts dergleichen gibt: Vielleicht finden sich ja ein paar motivierte Menschen mit Ideen zusammen. Wem das aktive Schauspielen doch zu riskant ist, der hat aber vielleicht den Mut, "passiv" dabei zu sein: Es ist eine spannende persönliche Aufgabe, sich mit Wahnsinn im Film zu beschäftigen. Man muss Fernseh- und Kinoprogramm nur aufmerksam "studieren".

    Lesen Sie weiter in S.Prins, Aktiv sein in der Selbsthilfe , in: P. Weber, Tätigsein, Jenseits der Erwerbsarbeit. Psychiatrie-Verlag Bonn, 2005


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