Sibylle Prins

Peter Mannsdorff (Berlin) interviewt Sibylle Prins

Mannsdorff: Sibylle, du bist Autorin. Wie bist du zum Schreiben gekommen? Wie lange schreibst du schon?

Prins: Ich habe schon immer Interesse am Schreiben gehabt, schon in der Schule. Dazu kam noch, dass meine Mutter als Journalistin für lokale Tageszeitungen und eine Kirchenzeitung tätig war, ich das Schreiben also als eine normale und lustvolle Tätigkeit kennenlernte. In meiner Jugend schrieb ich fleissig Tagebuch. Auch während des STudiums fand ich die Erstellung von Sachtexten, die man da ja schreiben muss, interessant. Später habe ich einige Jahre auch an sog. Schreibwerkstätten teilgenommen, wo ich dann mit anderen Textformen experimentierte. Und natürlich habe ich mit Anfang 20 angefangen, Gedichte zu schreiben....

Mannsdorff: Du bist eine psychiatrieerfahrene Schriftstellerin. Wie siehst du das Verhältnis zwischen deinem Schreiben und der seelischen Verarbeitung deiner seelischen Schlüsselerlebnisse, die dich (wann?) zum ersten Mal in die Klinik gebracht haben?

Prins: 1986 kam ich zum ersten Mal, recht plötzlich, in die Psychiatrie. In den darauffolgenden Jahren habe ich zwar auch viel geschrieben, aber fast nie über meine Psychosen oder die Psychiatrie-Erfahrung. Das gelang mir einfach nicht, ich hatte in Bezug auf diese Ereignisse, die inzwischen mein ganzes Leben völlig umgekrempelt hatten, eine regelrechte Schreibblockade. Aufgelöst wurde diese erst, als ich mein erstes Psychose-Seminar besuchte und gleichzeitig eine Ausschreibung des Paranus-Verlages erschien, die zur Einsendung von Texten zur Bewältigung/Verarbeitung der Krisen aufrief. Da habe ich mich hingesetzt und Vieles, was sich angesammelt hatte, runtergeschrieben. Aber da hatte ich schon ein ganzes Stück Klarheit über mich, war ja auch schon in der Selbsthilfebewegung - das Schreiben war dann eigentlich mehr ein Ordnen und es nach außen tragen. Ich habe nicht so sehr das Gefühl, das Schreiben für mich therapeutische Qualitäten hat - wenn ich zum Beispiel versuche, zu schreiben, um aus einer schlechten Stimmung herauszukommen, kann es sein, dass ich mich da noch tiefer hineinreite. Wenn ich an einer Sache emotional noch sehr dicht dran bin, kann ich meistens nicht darüber schreibe. Das muss erst ein wenig "abkühlen". Trotzdem - natürlich ist da ein Gefühl von Erleichterung oder Befreieung, wenn man einen Text, der lange in einem rumort hat, endlich zu Papier gebracht hat. Früher geriet ich manchmal auch in regelrechte "Schreibräusche", die nicht ungefährlich für mich waren. Das hat sich gelegt. Inzwischen habe ich ein nüchterneres Verhältnis zum Schreiben.

Mannsdorff: Hat das Schreiben bei dir dazu beigetragen, dass du mehr Klarheit über deine Krankheit bekommen hast?

Prins: Schwer zu sagen, ich habe ja soeben schon versucht zu erklären, dass ich erst angefangen habe, darüber zu schreiben, als ich die Psychosen und Psychiatrie-Aufenthalte schon ein ganzes Stück verarbeitet hatte und eine Haltung dazu gefunden hatte. Die sich inzwischen auch noch mal weiter verändert hat, das Leben ist weitergegangen, es gab noch weitere Klinikaufenthalte und auch sonst hat sich mein Leben in den letzten 10 Jahren sehr verändert... Ich habe schon nach meinen ersten beiden Psychosen intensiv versucht, mich darüber zu informieren - was in den 80er Jahren nicht so einfach war, Literatur von oder für Betroffene fand ich so gut wie gar nicht. Als dann das Buch von Dorothea Buck herauskam, habe ich es sofort gekauft und geradezu verschlungen. Das war ein wichtiger Meilenstein für mich, obwohl ich später erkennnen musste, dass mein Weg, mit Psychosen umzugehen und sie zu verstehen, doch wohl ein anderer ist als Dorotheas. Aber wir haben und brauchen ja alle unsere eigenen Wege. Durch Dorothea Buck bin ich dann auch zur Selbsthilfebewegung Psychiatrie-Erfahrener gekommen, das war eigentlich noch wichtiger: der intensive Austausch mit anderen Psychiatrie-Erfahrenen, aber auch, Krisen und Bewältigungsstrategien bei anderen mitzuerleben. Da habe ich am allermeisten gelernt. Das spätere Schreiben darüber war und ist eigentlich die Frucht aus meinen Erfahrungen in der Selbsthilfe. Klarheit - naja, wenn man für Leser/innen (oder, bei Vorträgen, für Zuhörer/innen) etwas formulieren muss, denkt man noch mal genauer, präziser nach als wenn alles nur im stillen Kämmerlein bleibt.

Mannsdorff: Was bedeutet Schreiben, Literatur für dich. Was sind deine Vorbilder?

Prins: Literatur heisst für mich vor allem: Lesen! Ich bin ja doch in erster Linie Leserin, und erst in zweiter Linie Schreibende. Und das Lesen ist auch sehr wichtig für das eigene Schreiben. Wenn man einen Stil, eine Sprache in einem Buch vorfindet, die einem zusagt oder auch nicht, gewinnt man mehr Klarheit darüber, wie man es selber machen will, ohne das nun zu kopieren. Aber mein Lesepensum ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen, vielleicht weil ich jetzt auch viel "Pflichtlektüre" habe, womit ich mich schwer tue. Der "Suchtcharakter" meiner Leselust ist auch nicht mehr so stark. Tja, und Vorbilder - das ist schwierig, denn wenn man Namen nennt, wird man vielleicht daran gemessen....in meinen zwanziger Jahren war Kurt Tucholsky mein ausgesprochener Lieblingsautor, ich kannte ganze Passagen von ihm auswendig. Ihn nun als Vorbild zu bezeichnen fände ich vermessen, aber ich würde mich freuen, wenn mein Hang zur Satire daher käme. Und manche Dinge, die er über Schreiben, über Sprache sagt, sind für mich wichtig geworden, haben mich geprägt.

Mannsdorff: Gibt es in Bielefeld für Autoren literarische Treffs, wie zum Beispiel in Berlin Lesebühnen? Falls ja, besuchst du sie? Trägst du dort auch etwas vor? Outest du dich dort als Psychiatrieerfahrene? Wenn ja, hast du dabei Beklemmungen? (Ich könnte mir vorstellen, dass du keine Hemmungen hast, denn du musst in Bielefeld eine kleine Berühmtheit sein!)

Prins: In Bielefeld gibt es zwar eine rege lokale Literaturszene, aber darin habe ich bisher noch nicht Fuß fassen können. Was meinen Bekanntheitsgrad angeht: im psychiatrischen oder psychosozialen Umfeld kennen mich natürlich viele Menschen, aber außerhalb dieses Kreises eher nicht. Auch und gerade nicht als Autorin, zumal ich in Bielefeld eher mit der politischen Arbeit und Öffentlichkeitsarbeit für den Verein Psychiatrie-Erfahrener tätig und bekannt bin denn als Autorin. Was aber die literarische Öffentlichkeit hier vor Ort angeht: zu den Poetry-Slammern, die sich hier großer Beliebtheit erfreuen, fühle ich mich nicht so hingezogen. Die anderen Literaturkreise haben bisher auf meine Anfragen und Einsendungen nicht einmal geantwortet. Einmal machte ich mit bei einem Archiv-Projekt des Frauen- kunstforums Ostwestfalen-Lippe. Als ich meine Sachen in deren Büro brachte, und die Frau von dem Projekt sah, dass meine Bücher auch und vornehmlich von Psychiatrie handeln, wurde sie ganz aufgeregt und begann sofort, von sogenannter "Außenseiter-Kunst" zu reden. Da fühlte ich mich etwas missverstanden. Das Thema Psychose und Psychiatrie ist vielleicht wohl ein Außenseiter-Thema, aber ich mache ja keine "psychotische" oder auch nur psychosenahe Literatur. Das kann man auch machen, hat auch seine Reize. Mir widerstrebt das eher, und ich erzähle von diesen Themen doch schon aus einer gewissen Distanz. Was ich in einer Psychose geschrieben habe, werfe ich hinterher meistens weg. Eine Ausnahme ist ein Kapitel aus meinem ersten Buch, "Gut, dass wir mal darüber sprechen". Dieses eine Kapitel ist unter dem Einfluss einer ausbrechenden Psychose entstanden. Als diese vorbei war, habe ich überlegt, ob ich das Kapitel neu schreiben solle. Ich habe es dann aber weitgehend so gelassen, nur die sehr unverständlichen oder übertriebenen Stellen rausgenommen oder geändert, auch auf Anraten des Lektors. Ich finde zwar, dass es eine Verbindung gibt zwischen Kreativität und Psychose, aber mir ist meine nichtpsychotische Kreativität inzwischen lieber. Die psychotische Kreativität wird in der Wiederholung doch einigermaßen stereotyp, und was man in der Psychose als großartigen und tiefgründigen Gedanken oder Zusammenhang betrachtet, wirkt bei klarem Verstand dann oft recht banal.

Mannsdorff: Ich habe die psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle ,Die Grille' nur flüchtig kennen gelernt. Magst du etwas über diese Einrichtung und andere Einrichtungen in Bielefeld erzählen?

Prins: Die Grille nennt sich gemeindepsychiatrisches Zentrum. Sie bietet Betreutes Wohnen an, in den eigenen Räumlichkeiten tagsüber eine Tagesstätte, am späten Nachmittag und abends ist sie als Kontakt- und Beratungsstelle geöffnet. Sie ist eine von mehreren Trägern hier in der Stadt, die zum Beispiel Betreutes Wohnen oder Kontaktstellen anbieten. Die Besonderheit hier in Bielefeld ist, dass wir noch einen sehr großen diakonischen Träger, nämlich Bethel (von Bodelschwingsche Anstalten) haben, der stationäre Angebote (Akutklinik, Tageskliniken, Reha-Klinik, Wohnheime), aber auch ambulante Betreuung sowie Werkstatt- und Zuverdienstarbeitsplätze anbietet. Zur Grille hat unser Verein Psychiatrie-Erfahrener Bielefeld seit langem einen guten Kontakt- zum einen wohl, weil die Grille ursprünglich mal als so eine Art antipsychiatrisches Projekt entstanden ist, das die Leute raus aus den Anstalten holen wollte, und bis heute noch eine besondere Kultur hat. Zum anderen, weil die Zusammenarbeit mit der Grille immer so angenehm unkompliziert war und ist. Unser Verein konnte seine Feste dort feiern, wir haben 5 Jahre lang die Kontaktstelle an zwei Abenden im Monat in Eigenregie geöffnet, d.h. ohne dass ein Mitarbeiter der Grille dabei war. Auch die Selbsthilfegruppe hat viele Jahre regelmäßig Räume der Grille genutzt, ebenso wie wir für unsere Vorstands- und Redaktionssitzungen dort die Räume nutzen.

Mannsdorff: Du bist sehr engagiert bei den Psychiatrieerfahrenen? Warum und wie? (Um das Problem in der Öffentlichkeit transparent zu machen? Um Patienten in der Psychiatrie zu helfen?)

Prins: Naja, ich bin Vorstandsmitglied des lokalen Betroffenenverbandes und fülle da mehr oder weniger die Funktion einer Vorsitzenden aus. Es war eigentlich etwas, das auf meinem Weg lag. Schon 1988, nach meiner 2. Psychose, wunderte ich mich, wieso es für alles Mögliche Selbsthilfegruppen gibt, nur nicht für psychisch kranke Menschen. Der andere Aspekt, der mir auffiel war, dass die Betroffenen an den Maßnahmen, die ihnen helfen sollen, gar nicht groß beteiligt werden, sondern immer für sie - aber ohne sie - gedacht und geplant wird.Auch hätte ich anfangs nicht gedacht, dass eine psychische Erkrankung derartig stark tabuisiert ist und so stigmatisierend wirkt. Das war mir schon wichtig, da zu Änderungen beizutragen. Ferner war es mir wichtig, Gelegenheiten zu schaffen, wo Psychiatrie-Erfahrene selbst etwas auf die Beine stellen können, nicht immer alles nur vorgesetzt bekommen.

Mannsdorff: Du hast sehr viel im Paranus-Verlag veröffentlicht. Auch warst du Herausgeberin des Buches ,Vom Glück' in der Edition Balance des Psychiatrie-Verlages und sammeltest Texte dazu. Wie bist du auf diese Idee gekommen? Willst du über deine Bücher etwas erzählen?

Prins: Ich hatte ja schon erzählt, dass ich immer gern geschrieben habe, und dann träumt man natürlich davon, auch mal ein Buch zu veröffentlichen. Allerdings hatte ich eigentlich nicht vor, Bücher zum Thema Psychiatrie zu schreiben. Im Gegenteil, hätte man mir das vor 15 Jahren gesagt, ich hätte es abgelehnt. Nun kamen aber diese Ideen zu den ersten (und auch zu den meisten weiteren) Büchern gar nicht von mir, sondern von den Verlagen. Bei meinem ersten Buch ist zum Beispiel der Lektor des Paranus-Verlages, der schon einige Texte und Artikel von mir kannte, auf mich zugekommen, und hat mich gefragt, ob ich nicht ein Buch machen wolle. Da schwebt man natürlich auf Wolke sieben, und die Frage, ob ich zum Thema Psychiatrie schreiben will oder nicht, war dann auch hinfällig - so eine Chance lässt man sich einfach nicht entgehen! Was aber das Thema angeht: ein Schriftsteller hat mal gesagt: "Nicht der Autor wählt das Thema, sondern das Thema wählt den Autor". So ist es mir wohl auch ergangen. Das zweite Buch, "Vom Glück", beim Psychiatrie-Verlag ist auf eine ähnliche Weise entstanden.

Mannsdorff: Wie bist du an die Verlage gekommen? (Das interessiert viele Betroffene, die auch schreiben wollen!)

Prins: Ja, das habe ich ja soeben schon erzählt, dass ich nicht in jahrelanger häuslicher Fleißarbeit erst ein Manuskript erstellt habe, und dann mühsam einen Verlag suchen musste. Die Kontakte zu den Verlagen existierten bereits - zum Beispiel hatte ich vorher schon Beiträge in der Zeitschrift "BRückenschlag" des Paranus-Verlages oder auch in anderen sozialpsychiatrischen Fachzeitschriften veröffentlicht. Bei allen meinen Büchern habe ich erst nach vorheriger Absprache mit dem Verlag überhaupt mit der Arbeit am Manuskript angefangen - für ein anderes, zum Beispiel das oben geschilderte Vorgehen der Fleißarbeit ins Blaue hinein, würden meine Disziplin und mein Durchhaltevermögen gar nicht ausreichen. Ein anderer Vorteil ist, dass ich während der Arbeit am Manuskript immer sehr vom Lektorat unterstützt worden bin. Auch wenn ich mir jetzt einen ganz anderen Verlag suchen wollte, würde ich so vorgehen, dass ich erst ein Konzept und vielleicht ein, zwei Probekapitel einsenden würde, um evtl. eine Zustimmung des Verlages zu erlangen, und mir dann erst die ganze Arbeit mache. Im übrigen gibt es in meinen Büchern natürlich auch autobiografische Bezüge, Stellen oder Texte - aber ich habe bisher sehr bewusst darauf verzichtet, meine Lebensgeschichte als Buch veröffentlichen zu wollen. Erstens möchte ich das nicht so gerne, zweitens ist mein Leben zwar für mich interessant, aber vielleicht doch nicht so sehr für die Leserschaft, und drittens werden die Verlage meines Wissens mit Autobiografien nur so zugeschüttet. So dass die Chance, dass solche Manuskripte gedruckt werden, nicht sehr groß ist.

Mannsdorff: Lebst du vom Schreiben? Was arbeitest du ,hauptberuflich'? Hast du regelmäßig Lesungen? wo?

Prins: Nein, ich lebe nicht vom Schreiben. Das wäre keinesfalls möglich, dazu sind die Honorare viel zu gering. Ich bin Frührentnerin, und lebe von einer Erwerbsminderungsrente. Ursprünglich hatte ich mal den Beruf der Sonderschullehrerin erlernt, als ich den wegen meiner Psychosen nicht ausüben konnte, habe ich zwölf Jahre als Verwaltungsangestellte gearbeitet, bis auch das nicht mehr ging. Zur Zeit habe ich eben zwei Hauptberufe: die Arbeit in der Selbsthilfe und die Arbeit als Autorin. Letztere darf man sich aber auch nicht zu romantisch vorstellen: keineswegs wandele ich mit blumengeschmückter Stirn durch einen Schlosspark, umd auf die richtige Eingebung zu warten, die mir dann quasi von selbst aus der Feder fließt- ich mache ja auch viel Sachliteratur, die meistens für einen konkreten Zweck - Artikel, Vortrag etc. - angefragt ist, und das ist einfach normale, anstrengende Arbeit, oft noch unter Zeitdruck. Und diejenigen Texte, die wirklich "mit Herzblut" geschriebenn werden, sind noch viel anstrengender- hinterher bin ich völlig ausgepowert, als hätte ich harte, körperliche Arbeit geleistet.Eine einsame Tätigkeit ist das außerdem. Ja, ich mache Lesungen, allerdings nicht regelmäßig. Manchmal organisiert der Verlag Lesungen für mich, meistens ist es so, dass mich irgendjemand einlädt. Die Termine der Lesungen und Vorträge - sofern sie öffentlich sind - kann man auf meiner Homepage 'www.sibylle-prins.de' nachlesen, dort unter "Vermischtes". Vorausgesetzt, die Homepage ist aktualisiert, was ich leider manchmal vergesse.


Zurück