Sibylle Prins

Jetzt dürfen wir also mitspielen.....

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

ich darf Sie einladen, mir zu folgen, und als unsichtbare Beobachter teilzunehmen an einem Treffen der Psychiatrie-Erfahrenen in einer größeren Stadt irgendwo in Deutschland. Es ist ca. 18 Uhr am Abend, wir betreten einen Raum in der Selbsthilfe-Kontaktstelle. Dieser ist bestückt mit verschiedenen Sesseln und Stühlen sowie zwei Sofas. Die Sitzgelegenheiten sind zu einem offenen Kreis angeordnet. In der Mitte steht ein niedriger Tisch, auf dem sich zwei Kaffeekannen, eine Teekanne und mehrere Teller mit aufeinandergeschichteten Keksen befinden. Es sind etwa zwölf Personen anwesend, Mehr Frauen als Männer. Die Jüngsten der Anwesenden dürften Anfang 30 sein, die Ältesten haben die 50er-Grenze wohl schon überschritten. Nach der Einführung der zahlreichen Nichtrauchergesetze hat man sich dazu entschlossen, dass in diesem Raum nur noch am offenen Fenster hinten in der Ecke geraucht werden darf. Dort steht aber jetzt gerade niemand. Vielmehr wird in kleinen Grüppchen lebhaft geplaudert, einige sitzen schweigen dazwischen, tun sich an den Keksen gütlich. Dann ergreift Susanne laut und an alle gerichtet das Wort: „Könnt Ihr mal herhören? Unsere Gruppe hat Post bekommen, das geht alle an.“ Das Stimmengewirr lässt langsam nach, obwohl ein Pärchen noch leise weiterspricht, fährt Susanne fort:“Also, hier ist ein Brief von der Evangelischen Akademie Bad Boll. Ich lese mal vor:

Sehr geehrte Damen und Herren, wir freuen uns Ihnen mitteilen zu können...blablabla... im Mai dieses Jahres eine Tagung zum Thema „Die Kunst der Teilhabe“...undsoweiter undsoweiter, angefragt wurden u.a. Klaus Dörner, Thomas Bock, Christian Zechert, Fritz Bremer...““Also die üblichen Verdächtigen“ schnappt Brigitte dazwischen. „Sei doch mal ruhig! Was wollen die denn nun von uns?“ fragt Anke. Susanne liest weiter:“....würden wir uns freuen, wenn Sie uns ein Meinungsbild der Betroffenen zum Thema Teilhabe zukommen lassen würden....in gespannter Erwartung verbleiben wir....naja, freundliche Grüße undsoweiter.“ Susanne legt den Brief auf den Tisch. „Wenn ich das richtig verstanden habe, wollen sie von uns hören, was wir zum Thema Teilhabe meinen. Haben wir uns darüber eigentlich schon mal unterhalten? Das ist jetzt ja ein ganz wichtiger Begriff in der Behindertenpolitik. Was wäre für Euch denn Teilhabe?“.

Eine Pause tritt ein. Die Gruppenmitglieder sehen sich ratlos an. Dann nimmt Stefan seine stets kalte Pfeife aus dem Mund und sagt, mit einem süffisanten Lächeln: „Teilhabe, das wäre, wenn ich endlich mal 'ne Freundin finden würde. Im Moment ist da wieder so eine nette Praktikantin im Begegnungszentrum. Ich habe schon ein bisschen mit ihr geflirtet, und glaube, meine Chancen stehen diesmal gar nicht schlecht, hä hä hä“. Sein Lachen klingt jetzt nicht mehr süffisant, sondern ein bisschen dreckig. Die Frauen in der Gruppe winken ab. „Ach, Stefan, Du mit Deinen ewigen Frauengeschichten! Und bei den Praktikantinnen hast Du noch nie Glück gehabt, die dürfen das doch gar nicht, mit einem Besucher was anfangen.“ Doch damit gibt Stefan sich nicht zufrieden: „Warum denn nicht? Bei denen kann ich wenigstens erwarten, dass sie keine Vorurteile haben- immer, wenn ich irgendwo anders eine nette Frau kennenlernte, war sie sofort weg, wenn ich ihr sagte, dass ich psychiatrieerfahren bin und in einer Wohngruppe lebte. Damals wohnte ich ja noch in der Wohngruppe, wenigstens habe ich jetzt wieder eine eigene Wohnung, wo das nicht so auffällt.“ Susanne reagiert jetzt ungeduldig: „Stefan, Du hast aber auch immer nur dieses eine Thema im Kopf! Beim Thema Teilhabe geht es doch um Politik!“ Nun aber protestiert Anke: „Ich finde schon, dass das was mit Teilhabe zu tun hat! So viele von uns sind ohne Partner oder Partnerin, und es gibt immer 1000 Gründe, warum die meisten Psychiatrie-Erfahrenen keine Familie haben oder haben sollen- für mich ist das schon ein bisschen spät jetzt mit 39, aber ich hatte mir eigentlich auch vorgestellt, dass ich mal Kinder haben werde.....Monika greift den Faden lebhaft auf:“Ja, ich kenne eine Frau, die hatte auch eine schwere Psychose, aber jetzt schon 10 Jahre nichts mehr, sie lebt ohne Medikamente, ist verheiratet und hat drei Kinder. Die ist mein großes Vorbild, da möchte ich auch mal hin. Ich bin jetzt erst 31, also ginge das alles noch- aber ich habe erst einmal in meinem Leben eine kurze Beziehung mit einem Mann gehabt, habe also nur ganz wenig Erfahrung . Aber wenn ich jemanden kennenlerne, weiss ich auch nicht, ob und wie ich ihm von meiner Krankheit erzählen soll, und wie ich das erkläre, dass ich in meinem Alter schon in Rente bin. Vor zwei Monaten hatte ich jemanden kennengelernt, das ließ sich ganz vielversprechend an, aber dann bin ich ja wieder in die Klinik gekommen, daran ist es dann kaputt gegangen“.

Susanne greift sich einen Stift und sagte:“Na, also gut. Dann schreibe ich auf, zum Thema Teilhabe gehören Partnerschaft und Familie.“ Nur Bärbel kichert jetzt: „Für mich nicht. Auch noch 'ne Beziehung- das wäre einfach zu viel Stress“ Susanne aber fährt ungerührt fort: „ Fällt Euch sonst noch etwas dazu ein?“ Anke nimmt noch mal das Wort, wobei sie sich halb zögernd, halb selbstsicher in der Runde umsieht: „Für mich bedeutet Teilhabe, nach meinen Möglichkeiten an der sogenannten Normalgesellschaft teilzuhaben. Also auch, normales Geld zu verdienen...“ „Ja,“ unterbricht Andrea sie, „da sagst Du was. Ich arbeite in der Werkstatt für Behinderte. Also, ich meine, die Arbeit ist o.k., die Kollegen sind auch nett- aber was man da verdient ist unter jeder Würde. Mir tut das immer weh, wenn ich im Fernsehen von diesen Mindestlohndebatten erfahre- von sieben Euro fünfzig pro Stunde bin ich in der Werkstatt weit entfernt. Und dann zieht mir das Amt auch immer noch so viel ab.“ Hier mischt sich Hartmut ein: „Ihr in der Werkstatt seid ja noch gut dran, bei uns im Zuverdienstbereich sind die Löhne letztes Jahr auf 1,30€ pro Stunde abgesenkt worden, wir kriegen jetzt das Gleiche, was ein Ein-Euro-Jobber kriegt. Das verdient nicht mehr den Namen Zuverdienst!“ „Naja,“ lenkt Andrea ein,“ ich verstehe das ja, mein Arbeitsplatz wird auch subventioniert- aber ich bin doch immer sehr knapp, weil ich von Grundsicherung lebe. Und darauf bleibe ich wahrscheinlich auch mein ganzes Leben hängen. Ein Auto also könnte ich mir niemals leisten, auch in Zukunft nicht. Selbst ein neues Fahrrad zu kaufen wird schwierig. Vorher habe ich im Wohnheim gewohnt, da hätte ich mir von dem Taschengeld nicht mal ein gebrauchtes Rad kaufen können. Das haben mir meine Eltern gesponsert. Fürs Mitmachen bei der Theatergruppe kriege ich jetzt Geld übers persönliche Budget- aber wenn mein Einkommen etwas besser wäre, ich etwas mehr eigenes Geld hätte, brauchte ich das wahrscheinlich gar nicht. Ich finde, die sollten die Zuverdienstgrenzen bei Grundsicherung soweit anheben, wie für die Rentner....“ Nun schaltet Susanne sich wieder ein: „Jetzt lasst uns hier mal nicht die ganze Sozialpolitik durchdeklinieren, wir kommen ja ganz vom Thema weg...“ Ein Proteststurm erhebt sich, in dem sich Anke durchsetzt:“Also, ich finde schon, dass unsere Einkommenssituation etwas mit Teilhabe zu tun hat! Ich meine, wenn wir normale, durchschnittliche Einkommen hätten, brauchten wir wahrscheinlich viel weniger über Teilhabe nachzudenken.“ Susanne kritzelt etwas auf ihren Block, hebt den Kopf und sagt,“O.K., ich habe jetzt das Thema Geld und Einkommen notiert.

Was noch?“ „Ja, ich war noch nicht fertig“, meint Anke,“Was ich noch sagen wollte: die meisten meiner Freunde und Bekannten sind ja auch psychiatrieerfahren. Ich habe kaum noch Kontakte zu Nichtbetroffenen. Also, das würde ich mir doch sehr wünschen, mehr Kontakte mit Leuten, die ganz normal leben und nicht psychisch krank sind“. „Mir geht’s genauso“, meint Monika,“meine Kontakte von früher sind alle weg, jetzt kenne ich nur noch psychisch Kranke. Und ich gehe ja jetzt in die Tagesstätte, da bin ich den ganzen Tag auch nur unter Betroffenen. Ich würde schon gern mehr vom normalen Leben mitkriegen“. Da fährt Brigitte, wie es ihre Art ist, heftig dazwischen: „Was soll denn diese Hochjubeln der Normalen? Sind die etwa besser? Die normalen Leute unterhalten sich doch ständig bloß über Einbauküchen und Strumpfhosen! Jedenfalls, was die Frauen betrifft. Das kann doch nicht Euer Ernst sein, sich nun diese Banalität der Normalität, das Spießbürgertum zu wünschen! Schon Karl Marx sagt ja, der Normalmensch, das sei der deutsche Spießbürger. Die Psychiatrie-Erfahrenen sind doch viel interessantere Leute, so schön schrill. Sehr Euch nur mal den Hermann an, der immer am Klinikgelände und in der Stadt herumstiefelt und sich von niemandem etwas sagen lässt, das ist doch der einzige freie Geist in unserer Gemeinde!“ Andrea schüttelt den Kopf: „Ich lege überhaupt keinen Wert darauf, als schrill oder ausgeflippt wahrgenommen zu werden. Und meine Psychosen sind immer echte Horrortrips, daran kann ich nichts Interessantes finden. Der Hermann tut mir immer leid, weil er in zerrissenen Sachen und oft ohne Schuhe herumläuft und um Essen betteln muss. Ich habe auch Angst vor ihm. Aber ich selber habe noch einige Kontakte zu Gesunden, die sind mir auch sehr wichtig.“ Erdmuthe hat bis jetzt still zugehört. Nun mischt sie sich ein: „Also, ich kenne auch nur Psychiatrie-Erfahrene, und noch ein paar Profis. Keine sonstigen sogenannt Gesunden. Aber mir fehlt da nichts. Ich wehre mich auch dagegen, dass der Kontakt mit Psychiatrie-Erfahrenen nun als eine Art Gesellschaft zweiter Klasse angesehen wird, als wären das irgendwie minderwertige Kontakte, Kontakte zweiter Güte. Meine tiefgründigsten und ernstesten Gespräche habe ich mit Psychiatrie-Erfahrenen geführt. Die haben auch mehr Verständnis für meine Probleme und ich brauche nicht mein halbes Leben zu verschweigen. Und hat sich nicht in dieser Stadt schon ein sehr gutes Netzwerk allein unter Betroffenen gebildet, die sich gegenseitig auch oft helfen und unterstützen? Das soll man doch nicht geringer schätzen als andere Netzwerke. Sonst bedienen wir genau dieselben Vorurteile, die die Nichtbetroffenen uns gegenüber haben. Ich habe sogar ein paar ganz nette Psychiatrie-Erfahrene in der Nachbarschaft....“ Stefan, der immer noch auf seiner Pfeife herumkaut, ruft aus“Ja, Du! Du wohnst ja auch im Zentrum! Mit meinen Nachbarn kann ich gar nichts anfangen, die wollen mir immer nur Vorschriften machen, wie ich die Treppe zu putzen habe, dass ich den Gehweg angeblich nicht richtig gefegt hätte, diese ollen Nörgler. Und weil jede Woche der Mitarbeiter vom Betreuten Wohnen kommt, haben sie bestimmt auch schon mitbekommen, dass ich psychisch krank bin, und denken jetzt, mit mir kann mans ja machen....“

Eva, wie immer auf Einhaltung ordentlicher Spielregeln bedacht, hat schon lange Zeit ihrem Arm gehoben, um zu Wort zu kommen. Deshalb wendet sich Susanne jetzt an sie und sagt: „Eva, Du wolltest noch etwas sagen?““Ja,“ sagt Eva, „also ich würde nicht wollen, dass meine Nachbarn wissen, dass ich psychisch krank bin. Neulich habe ich schon wieder Ängste gehabt: meine leeren Tablettenschachteln hatte ich weggeworfen, sie lagen dann da für alle sichtbar im Müllcontainer. Da geht bestimmt wieder das Gerede in der Siedlung los.....und meine Freundin Helga ist mal von Polizei und Rettungswagen abgeholt worden zur Klinik, die ganze Nachbarschaft hat das mitbekommen. Als sie wieder zu Hause war, traute sie sich überhaupt nicht mehr auf die Straße. Also, ich möchte soetwas nicht erleben.“ „Gut, aber mit Nachbarn kann man ja auch reden“, brummt Hartmut,“als ich wegen meiner Psychose mal mit denen im Clinch lag, habe ich das hinterher mit ihnen besprochen. Die waren eigentlich ganz verständnisvoll“. Stefan bleibt skeptisch:“Na, da hast Du wohl einfach viel Glück gehabt mit denen.“ Susanne versucht wieder, das Gespräch in halbwegs geordnete Bahnen zu lenken: „Wir waren ja eigentlich bei der Frage, ob wir uns mehr Kontakte zu Nichtbetroffenen, zu sogenannten „Normalen“ wünschen“.
Diesmal wartet Eva nicht, bis sie dran kommt: „Ja, ich finde das wichtig, das man weiterhin mitbekommt, was die Menschen so bewegt. Als ich mal zwei Jahre nicht gearbeitet habe, hat mir weniger das Geld gefehlt, auch nicht die Beschäftigung, sondern die Kommunikation mit Menschen, die ein durchschnittliches Leben führen. Ich will wissen, was die Menschen interessiert, welche Sorgen sie haben,wofür sie arbeiten. Wie das ist, Beruf und Familie zu haben. Was sie lesen, was sie denken, was sie in ihrer Freizeit machen. Sonst habe ich das Gefühl, von der Welt nichts mitzubekommen, außen vor zu sein. Und ich fühle mich zwar wohl bei Euch, hier in der Gruppe, aber nur immer mit Menschen zusammen zu sein, die so viele Probleme haben, das tut mir auch nicht gut, das zieht mich runter.“.

Erdmuthe, der ja an diesen Kontakten zu Nichtbetroffenen nicht so viel liegt, schüttelt energisch den Kopf:“Für mich kann diese sogenannte Teilhabe keine Einbahnstraße sein. Dass nur wir uns an die Normalen anpassen sollen, und uns für deren Probleme interessieren sollen. Ich meine, die könnten auch mal ein Stück auf uns zugehen, sich für uns interessieren und wie wir so leben, als Psychiatrie-Erfahrene. Wir haben doch auch etwas zu geben!“. „Na, und was wäre das wohl?“ Die Schärfe in Brigittes Stimme ist unüberhörbar. Erdmuthe ist dann auch ganz eingeschüchtert und stammelt nur noch: „Naja, unsere Psychose- und Psychiatrie-Erfahung, seelische Grenzzustände....“ „Das ist ja was!“ Brigittes Stimme trieft jetzt vor Hohn,“Das wird die Normalos sicher brennend interessieren! Und sich über ein Gebrechen interessant machen - was für ein Beitrag nenne ich das „. Doch nun hat Brigitte die anderen gegen sich aufgebracht. Allen voran Anke, die sich ihr mutig entgegenstellt: „Ich finde schon, dass die sich für unsere Erfahrungen interessieren! Wenn wir in die Schulen gehen und da vor Schülern berichten, hören alle immer ganz gespannt zu, stellen viele Fragen. Aber was anderes: Du weisst vielleicht nicht, dass Eva und ich bei diesem Künstlerhaus mitmachen. Wir hatten auch schon mehrere Ausstellungen. Und ich denke, mit unserer Kunst kann jeder was anfangen, das ist keine behinderte Kunst oder sowas, das lasse ich mir nicht sagen! Und Anita ist heute nicht da, weil sie regelmäßig einen kleinen Jungen betreut und außerdem ehrenamtlich bei der Verteilung von Essen bei der Tafel hilft. Und Klaus- warum ist Klaus heute nicht da?- der geht immer mit Hunden aus dem Tierheim spazieren. Und-ach, das ist mir jetzt zu blöd, dass wir uns da rechtfertigen sollen.

“Ja, finde ich auch blöd“, schimpft Susanne jetzt mit. „Klaus ist übrigens nicht da, weil er sich um seine kranke Mutter kümmern muss. Obwohl es ihm selbst zur Zeit nicht gut geht. Du pflegst doch auch selbst Deine Mutter, Brigitte. Ist das etwa nichts? Da gibt es so viele Beispiele, was Psychiatrie-Erfahrene tun- oder tun könnten. Mein Eindruck ist eher, dass es psychisch kranken Menschen oft verwehrt wird, einen Beitrag zu leisten. Ihr erinnert Euch vielleicht, als wir uns mal an den Tauschring gewandt haben, um da mitzumachen, sagten sie, sie wollten keine Psychiatrie-Erfahrenen dabei haben. Und die Freiwilligenagentur hat angeblich auch immer keine Aufgaben für Psychiatrie-Erfahrene. Das wäre noch mal Teilhabe, wenn wir bei sowas mehr mitmachen könnten.“

Brigitte ist aber immer noch in Fahrt: „Ich höre nur immer Teilhabe, haben, haben- Ihr wollt Partnerschaften und Familie, Geld, Kontakte, sonstwas- aber was ist mit den Pflichten, die damit verbunden sind? Zum Thema Familie zum Beispiel: Kleine Kinder - sie machen eine Riesenmenge Arbeit, diktieren einem dem ganzen Tageslauf, man hat kaum mal eine ruhige Minute, aber dafür eine enorme Verantwortung. Oder bei Arbeitsstellen, auf denen mal normal verdient- so wie Du das in der Werkstatt machst, Andrea, Dich jeden Monat drei Tage krank melden, weil Du Deine Periode hast, und dann nochmal mindestens einmal pro Woche krank melden, weil Du irgendwelche Ängste oder schlecht geschlafen hast- das ginge doch woanders gar nicht. Oder Du, Hartmut- wenn bei Deinem Zuverdienstbetrieb mal ein Kollege schief geguckt hat, muss erst immer ein Gespräch mit dem Abteilungsleiter und Deinem Sozialarbeiter stattfinden, damit Du wieder hingehst. Auf dem ersten Arbeitsmarkt könntest Du Dir so ein Verhalten nicht erlauben“. Hartmut braust auf: „Das kannst Du gar nicht beurteilen, wie es mir dann geht. Ich brauche halt eine gute und entspannte Atmosphäre bei der Arbeit- sonst kann ich es gleich sein lassen oder komme wieder in die Klinik!“.
Susanne, die jetzt doch mehr und mehr inhaltlich mitreden will, meint, weniger aufgeregt:“Ich finde es sehr gut, dass ich von einigen Verpflichtungen, die andere Erwachsene haben, befreit bin, nicht davon betroffen bin. Denn genau das, immer funktionieren zu müssen, egal wie es mir gerade geht- das hat doch zu den ganzen Klinikaufenthalten erst geführt! Für mich heisst Teilhabe genau dies:an Chancen und Möglichkeiten in dieser Gesellschaft teilhaben zu können, Gestaltungsmöglichkeiten zu haben, auch wenn man nicht so stark und leistungsfähig ist wie andere. Ich glaube übrigens, dass wir Psychiatrie-Erfahrenen nicht die einzigen sind, die vom modernen Leben oft überfordert sind- das geht vielen anderen ja genauso.“ Dann besinnt sie sich wieder auf ihre Rolle als Moderatorin und Protokollantin und sagt: “Wo wir schon mal dabei sind - die Leute in Bad Boll wollen bestimmt was zum Thema Teilhabe am Arbeitsleben hören, da sind die immer ganz erpicht drauf“.
Das ist das Stichwort für Thorsten, der – ganz entgegen seiner Gewohnheit-bis jetzt geschwiegen hat: „Ja, das ist ein Skandal, das man als Psychiatrie-Erfahrener keine Arbeit mehr findet. Und dann soll man womöglich in so eine Werkstatt für Behinderte gehen und da Schrauben verpacken. Ich meine, ich war Ingenieur, habe Kraftwerke und Fertigungsstraßen gebaut- was soll ich mit diesen Montagearbeiten da? Aber es gibt ja anscheinend auch Leute, die sind damit zufrieden, sogar einigermaßen gebildete Leute“ Dabei sieht er Hartmut vielsagend an. Dieser fühlt sich auch sofort angesprochen:“Ja, Thorsten, ich mache diese Verpackungsarbeiten, obwohl ich vielleicht auch was Besseres könnte. Aber ich bin sehr froh, dass diese Arbeit mir nicht so viel abfordert, sie ist eher entspannend und beruhigend für mich. Ich habe mit mir selbst und dem ganzen sozialen Drumherum genug zu tun, da soll mir die Arbeit selbst nicht auch noch Stress machen.“ „Da werden wir uns wohl nie einig“ meint Thorsten. Anke beugt sich vor und sieht wieder alle an:“Also, ich bin froh, dass ich durch die Rente aus dem Arbeitsleben befreit wurde, und....“
In dem Moment geht die Tür auf, und herein platzt, keuchend und beladen mit Tüten und Taschen, Gerda. “Hallo und guten Abend“, schnauft sie,“ich konnte leider nicht früher kommen. Schaut mal, die Plakate für unseren Filmabend sind fertig geworden, sind sie nicht schön geworden?“ Und sie fängt an, große Papierrollen zu verteilen. Die Gruppe bewundert die Plakate dann auch gebührend, und Gerda will gerade noch mehr zu dem Filmabend sagen, da fällt ihr Susanne ins Wort: „Gerda, für eine Tagung sammeln wir gerade Meinungen zum Thema Teilhabe. Was denkst du denn darüber?“ aber da geht Gerda an die Decke: „ich kann das Wort nicht mehr hören!!! Es ist längst eine Worthülse ohne viel Reflexion geworden außer um "Maßnahmen" zu betiteln.“ Sie denkt kurz nach, und fährt dann fort:
„Mir persönlich ist immer wichtig wieder zu üben, mich selbst als Teilnehmerin an allen möglichen gesellschaftlichen Veranstaltungen , Ereignissen, Arbeitsprozessen, Diskussionsprozessen zu üben und meine Kompetenzen dadurch zu erweitern , Leute kennenzulernen, etwas mehr über Hintergründe und Zusammenhänge zu erfahren... mich selbst als aktiv in sozialen Zusammenhängen zu sehen. Aber zum Thema Teilhabe: da müssen die Psychosozialen erst mal vor ihrer eigenen Tür kehren - zum Beispiel, als ich in diesem Zuverdienstbetrieb arbeitete: wer dort praktisch arbeitet, ist krank oder ein "Fall", wer das ganze verwaltet und die Schicksale "bearbeitet", lenkt, ist "gesund". Ich fand diese Arbeitsteilung dort sehr auffällig, kränkend und be-leidigend. Naja, es hat mal eine Untersuchung in der Schweiz gegeben, wo alle möglichen Leute nach ihrer Einstellung zu psychisch kranken Menschen befragt wurden. Und die Psychiater und Psychiatrie-Mitarbeiter hatten die negativsten Ansichten, hatten eine schlechtere Meinung von uns als die Normalbevölkerung. Und wer von diesen Profis ist denn im Privatleben ernsthaft mit einem Psychiatrie-Erfahrenen befreundet? Das sind doch die wenigsten, die sind alle froh, wenn sie nach Feierabend mit unserer Sorte nichts mehr zu tun haben“

Alle haben gespannt zugehört. Anschließend wird eine Weile hin- und hergemurmelt, bis Susanne , die schon öfter auf Psychiatrie-Tagungen gewesen ist, und weiss, welche Themen dort gefragt sind, einen neuen Anstoß gibt: “Vielleicht ist es etwas leichter, wenn wir uns über Teilhabe im Freiezeitbereich unterhalten? Karin, Du hast doch überhaupt noch nichts gesagt. Du singst doch in einem Kirchenchor. Ist das denn nicht Teilhabe für Dich?“ Karin erschrickt ein wenig, als sie so direkt angesprochen wird, fasst sich aber schnell. „Ach, ich weiss nicht- ich singe zwar mit, aber ich habe mit den Leuten vom Chor weiter nichts zu tun. Wenn die sich hinterher noch miteinander unterhalten, laufe ich immer schnell davon“ „Aber warum denn?“ will jetzt Anke wissen. „Ach, ich weiss gar nicht, was ich mit denen reden soll. Was ich erzähle, ist für die doch nicht interessant“. „Das ist echt eine Folge der Psychiatrisierung“ meint Gerda erbost, „sich selbst so abzuwerten! Selbst-Stigmatisierung kann ich da nur sagen!“. Doch Karin hält stand:“Nein, ich kann nicht so gut small talk machen mit fremden Leuten, das ist mir unangenehm. Außerdem sind die alle viel besser angezogen als ich, die denken bestimmt von mir, dass ich keinen Geschmack habe.“ „Das ist doch Blödsinn ...“, will Gerda loslegen, aber wieder ist es Anke, die in die Bresche springt. “Ich kann das schon gut verstehen. Ich war mal bei einem Tanzkurs, da habe ich mich auch völlig unwohl gefühlt und wie eine Exotin - obwohl das Tanzen mir Spaß machte und der Tanzlehrer nett war. Aber ich fühlte mich da ausgeschlossen und hatte das Gefühl, die anderen lachten über mich. Und eigentlich neige ich ja nicht zu so paranoiden Gedanken. Aber das waren alles nur Leute, die damit angaben, was für tolle Jobs sie hatten und was für tolle Hobbies und tolle Autos, die Frauen waren stark geschminkt und mit Schmuck behängt, nur ich nicht. Ich bin dann nicht mehr hingegangen.“
„Ja, oder noch was anderes“, ergänzt Monika, „ich habe ja durch das Zyprexa dreißig Kilo zugenommen. Ich denke dann schon immer, dass andere von mir denken, ich sei zu dick und würde wohl zu viel essen. Also, ins Schwimmbad gehe ich auch nicht mehr gern. Und das mit der Partnersuche ist dadurch auch nicht einfacher geworden.“ „Jetzt sind wir also wieder bei unserem Anfangsthema.“ Susanne schüttelt ein wenig den Kopf. „Naja“, drängt sich Gerda noch mal vor, “ich finde man muss aufpassen, dass das mit der Teilhabe nicht zu so einer Alibi-Diskussion wird. Denn zuerst wird man als psychisch Kranker überall ausgegrenzt, ausgeschlossen - übrigens auch durch die Psychiatrie, deren Diagnosen, und dass die einem ja immer eintrichtert, wie wenig belastbar man wäre und dass man dieses oder jenes nicht mehr tun und schaffen könne - und dann machen sie die großen theoretischen Modelle, wie sie uns wieder „integrieren“ können, uns wieder teilhaben lassen können. Also, für mich sieht das ein bisschen danach aus, dass man uns so ein Schonraum-Plätzchen anweist, wo man sich durch uns nicht gestört fühlt, und dann ganz gönnerhaft sagt: siehst Du, jetzt kannst Du wieder mitspielen. Also, ich bin da skeptisch. Auch was diese ganzen Sondereinrichtungen für psychisch Kranke anbelangt.Das ist doch das reinste Ghetto. In dem Sinne wäre Teilhabe natürlich wichtig, um dieses Ghetto, diese sozialpsychiatrische Subkultur, wieder verlassen zu können, naja, und so, irgendwie....“ sie endete mit ein paar vagen Handbewegungen.
Doch wieder einmal fühlte sich Hartmut angesprochen: „Was diese Sondereinrichtungen angeht- damit meinst Du sicher auch unsere Begegnungsstätte. Ich bin froh, dass es die gibt und ich dahin gehen kann. Du brauchst sowas nicht schlecht zu machen, nur weil es Dir selber nicht gefällt. Ich stelle mir das grauenhaft vor, wenn ich meine Freizeit auch noch unter Leuten verbringen müsste, die so sind wie zum Beispiel meine Geschwister- die sind immer so supertüchtig, so handlungssicher und zupackend, dass mir das Angst macht. Für meine Langsamkeit und dafür, dass ich manche Dinge nicht so gut kann, zum Beispiel so zu arbeiten wie die oder meine Wohnung so zu putzen, wie sie sich das vorstellen, dafür haben sie rein gar kein Verständnis“. Eva versucht wieder, sich mittels eines erhobenen Arms Gehör zu verschaffen:“Ja, aber gehörte das denn nicht auch zur Teilhabe, dass man bei der Bevölkerung Verständnis schafft für dieses Langsamsein oder manchmal nicht so zu können wie andere, oder auch ungewöhnliche Dinge erlebt zu haben oder zu glauben, eben manchmal anders zu sein? Das könnten die doch auch von uns lernen, dass man statt bei der allgemeinen Hektik mitzumachen, auch als langsamer Mensch leben kann, oder als einer, der weniger leistungsfähig ist. Oder dass man anders denken und fühlen kann als die anderen. Ich meine, so wie wir heutzutage leben müssen- das ist doch nicht nur für Psychiatrie-Erfahrene nicht zu schaffen, das ist doch für alle nicht gesund.“
Susanne seufzt hörbar auf, und sagt in einem resignierten Tonfall: „Ich glaube, wir fangen an, uns im Kreis zu drehen. Jetzt ist es außerdem schon acht Uhr, vielleicht sollten wir besser Schluss machen. Ich habe mir ein paar Notizen gemacht, die werde ich dann nach Bad Boll schicken. Kommt noch jemand mit in die Kneipe nach nebenan?“ In dem Augenblick öffnet sich noch mal die Tür. Klaus tritt ein „Hallo, zusammen“ sagte er in seiner zögerlichen und gedehnten Sprechweise. „Wolltet Ihr gerade gehen?“ Und, mit Blick auf die leergegessenen Keksteller: “Oh, hattet Ihr Kekse?“ Susanne lässt sich diese Chance , noch ein Votum einzufangen, natürlich nicht entgehen, und bestürmt ihn: „Klaus, schön, dass Du doch noch kommst. Wir haben uns über das Thema Teilhabe unterhalten. Was meinst Du denn dazu?“ Klaus guckt etwas erschreckt. „Jaaa...“ sagte er verlegen, „Teilhabe....“. Es ist nun ganz still im Raum, alle blicken auf Klaus, als müsse von ihm die Erleuchtung kommen. Plötzlich lächelt Klaus, ja, er strahlt förmlich: “Wenn Ihr mir Kekse übriggelassen hättet- das wäre Teilhabe gewesen“.


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