Sibylle Prins

Aus: Brückenschlag- Zeitschrift für Sozialpsychiatrie, Literatur, Kunst, Heft 20: Rückwärts

Am Tag der Existenz werden die Körper der Menschen von ihren Angehörigen aus Gräbern ausgebuddelt. In einer feierlichen Zeremonie werden sie zur Leichenhalle getragen, wo sie einige Zeit aufgebahrt werden. Dann verfrachtet man sie in ein Krankenhaus oder in ein eigenes Bett, dass dazu extra vom Sperrmüll geholt wird. Langsam fließt Leben in die Menschen ein. Oft bleiben sie noch eine Weile bettlägerig, werden gepflegt, vielleicht in einem Heim, aber langsam nehmen ihre Kräfte zu, und sie fangen an, sich selbst zu versorgen. Mit der Zeit werden sie immer tüchtiger darin, fangen an, zu Reisen, zu lesen, Hobbies zu pflegen. Zu einem festgesetzten Zeitpunkt beginnen sie mit einer Berufsarbeit, wobei ihre Leistungskraft anfangs nur mäßig ist, ihre Kompetenzen aber groß sind. So arbeiten sie Jahr um Jahr, und je mehr sie arbeiten, desto geringer wird ihre Erfahrung, aber ihre Leistungsfähigkeit verbessert sich. Nach einigen Jahrzehnten ziehen ihre halbwüchsigen Kinder zu ihnen ins Haus, die beständig jünger und unselbständiger werden und vermehrte Fürsorge verlangen. Wenn die Kinder klein sind, wird das Haus, in dem sie leben, Stein um Stein abgetragen, und sie ziehen in eine billige und verwohnte Mietwohnung. Auch die körperlichen Funktionen verlaufen rückwärts: beim Sex fühlt man zuerst eine tiefe, schläfrige Entspannung, es folgt ein rauschhafter Orgasmus, anschließend eine drängende Begierde, die allmählich abflacht bis hin zur völligen Interesselosigkeit. die Haut wird mit der Zeit immer glatter und frischer. Sind keine Kinder mehr im Haus, wird geheiratet, woraufhin man sich in den zukünftigen Ehepartner verliebt. Diesen verliert man nach einiger Zeit aus den Augen, trifft sich mit anderen jungen Leuten, und bereitet sich darauf vor, zur Schule zu gehen, wo man sein Wissen Stück für Stück abgibt. Hat man auch das Lesen und Schreiben verlernt, wird man in den Kindergarten geschickt, wo man mit Spielen und Liedern unterhalten wird. Wenn die Menschen anfangen, in die Windeln zu machen, verlassen sie auch diesen Ort, werden zu Hause gepflegt, entwickeln sich allmählich zum Säugling, müssen gewickelt, gefüttert, herumgetragen und ins Bettchen gelegt werden. Eines Tages fährt die Mutter mit ihnen ins Krankenhaus, wo sie in den Mutterschoß schlüpfen, um sich darin vollends aufzulösen. So geht es Generation um Generation.


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