Sibylle Prins

Aus: Sozialen Psychiatrie, 1/2013; "Wider die Gelato-Therapie"

Wer mich kennt, weiß schon, dass ich nicht so eine große Anhängerin des „therapeutischen Schreibens“ bin. Gut, bei mir sortiert und klärt sich natürlich auch Manches, wenn ich an einem Text arbeite, aber , besonders, wenn es sich um emotional bedeutsame Angelegenheiten handelt, müssen sie schon recht „abgekühlt“ und weitestgehend bewältigt (ein unschöner Ausdruck – ich sehe darin immer das Wort Gewalt) sein, damit ich darüber schreiben kann. Bin ich noch gefangen in der Berg-und Talfahrt der Gefühle, will nichts aufs Papier – wenn ich es zu erzwingen versuche, gelingen mir nur oberflächliche und klischeehafte Sätze. Erleichterung verschafft mir das Schreiben dann meist auch nicht, eher gerate ich noch tiefer in mein Elend hinein. Ich habe natürlich nichts dagegen, wenn andere das Schreiben für sich als therapeutische Methode nutzen, wenn psychiatrische Einrichtungen Schreib-oder Literaturgruppen als Therapieform einsetzen. Nur meine Geschichte geht anders. Und so war die Teilnahme in einer selbstorganisierten Schreibwerkstatt eines Frauenkulturzentrums, wenn man so will, „therapeutisch wertvoll“ in anderer Hinsicht: zwar war ich nicht so stark eingebunden in psychiatrische Strukturen, aber mein ganzes Leben hatte sich verändert durch die Psychosen und die nachfolgenden schweren Depressionen. Nahezu alle meine Lebensumstände waren dadurch bestimmt: der Ort, an dem ich wohnte. Die Art und Weise, wie ich wohnte. Die Arbeit, die ich dann doch noch gefunden hatte. Mein (zunächst gar nicht mehr vorhandener) Freundes- und Bekanntenkreis.Diese Schreibwerkstatt wurde zu einem wichtigen „krankheitsfreien Raum“: niemand wusste von meiner psychiatrischen Vorgeschichte. Ich schrieb damals auch keine Texte zu Psychose und Psychiatrie, auch nicht außerhalb der Schreibgruppe. Stattdessen hatte ich die Gelegenheit, mich vielfältig und vor allem gefahrlos auszuprobieren: hatte ich früher vor allem (und mit Begeisterung!) möglichst „objektive“ Sachliteratur geschrieben, sowie einige experimentelle, d.h. zumeist unverständliche Gedichte, erhielt ich jetzt Anregungen zu ganz anderen, persönlicheren, poetischen, satirischen oder einfach nur wild und bunt wuchernden Texten zu jedwedem Thema. Auch das anschließende Vortragen war immer wieder eine aufregende Sache. Und so tauchte ich während dieser Zeit in eine ganz andere Welt ein, die mich für zwei Stunden die triste Wirklichkeit meines Lebens vergessen ließen.

Natürlich – auch das Schreiben kann durch eine psychische Krise in Mitleidenschaft gezogen werden. Etwa, wenn man sich nicht mehr konzentrieren kann, zu depressiv ist, um eine Idee zu haben, die Sprache einem zuwider wird....trotzdem war das für mich ein Raum, in dem es keine Rolle spielte, ob ich psychiatrieerfahren war oder nicht. Eine Zeit, in der ich das vergessen konnte und durfte.

Auch später, als ich dann doch zur Psychiatrie-Autorin wurde, fand ich nicht, dass das Schreiben an sich nun so eine große heilende Wirkung hatte - anfangs war sogar das Gegenteil der Fall (das Gedrucktwerden hatte schon eher therapeutische Auswirkungen, aber längst nicht so tiefgreifend und nachhaltig, wie man vermuten könnte). Sicherlich hat das auch damit zu tun, dass ich mich schon vor meiner Psychiatrie-Erfahrung sehr für das Schreiben interessierte, und von Anfang an einen ganz anderen Zugang dazu hatte.

Es gab und gibt noch weitere Bereiche des „krankheitsfreien“, oder, wenn man so will, psychiatriefreien Lebens, die ich mir erhalten oder wenigstens zurückerobern konnte. So ist mir das (fast) tägliche Kochen wichtig. Zwar probiere ich auch manchmal neue oder raffinierte Rezepte aus, aber eigentlich liebe ich eine recht einfache Küche. Mit bodenständigen Zutaten. So weit alles gut. Mit Erstaunen nehme ich aber wahr, dass es immer wieder psychiatrische Einrichtungen oder auch Selbsthilfe-Einrichtungen gibt, die unbedingt ein Kochbuch herausbringen wollen. Als wäre das die originellste Idee aller Zeiten. Als gäbe es nicht schon Kochbücher wie Sand am Meer. Vor allem aber: irgendwie sollen diese Kochrezepte mit der Psychiatrie-Erfahrung in Verbindung stehen....????....Ein geradezu gnadenlos ausgefallener Titel ist dann beispielsweise „Das verrückte Kochen“. Im Innern gibt es eine Spaghetti-Bolognese-Variante. Hm. Wenn jetzt eine Tagesstätte für ihre Besucher/innen einen Ordner oder für den Basar eine Rezeptsammlung mit den in der Einrichtung gern gekochten Gerichten zusammenstellt, ist noch alles okay. Aber was soll die breite Öffentlichkeit mit einem aufwändig hergestellten, bebilderten Hardcover-Buch? Kochen oder essen Psychiatrie-Erfahrene ganz anders als die Normalbevölkerung? Ja, klar - wenn man sich antriebslos fühlt, macht man sich eher eine Tiefkühlpizza warm oder holt sich eine Currywurst – auch da kein großer Unterschied zum Durchschnittsesser....

Zum einen müssen sowohl wir Psychiatrie-Erfahrenen als auch die psychosozialen Profis im Auge behalten, dass auch psychisch erkrankte Menschen nicht in allen Punkten „ganz anders“ oder gar „ganz besonders“ sind. Das ist irgendwie so eine sozialpädagogische Denke, und daraus entstehen dann solche Projekte wie psychiatrische Kochbücher. Zum anderen hat die Psychiatrie, in dem löblichen Bestreben, die Therapie so lebensnah wie möglich zu machen, die Tendenz, alle Lebensäußerungen zur Therapie zu erklären. Schwimmen gehen oder ein harmloser Spaziergang heißt dann plötzlich Bewegungstherapie. Einen Tisch zu decken oder einen Kuchen zu backen gehört in die Ergotherapie. Ich nahm einmal an einer ambulanten Gruppe teil, bei der z.B. ein Eisdielenbesuch zur Therapie gehörte. Gelato-Therapie wahrscheinlich. (Wobei ich insgeheim die Kaffeehaus-Therapie für die allerwirksamste überhaupt halte. Das verrate ich nur nicht, denn dann wird sie mir womöglich noch verordnet. Und dann wirkt sie nicht mehr). Jedenfalls bekomme ich das Gefühl, jede nur denkbare Lebenssituation wird nun zur Therapie verkünstelt, wie ein grüner Algenbelag legt sich der therapeutische Anspruch auf mein ganzes Leben...auch die sozialen Kontakte werden auf ihre therapeutische Nützlichkeit hin abgeklopft.....Ach, Leute, wie schön wäre einfach das ungeplante, nicht zurechtgestutzte Leben – so viel, wie man jeweils davon verträgt- ohne psychiatrischen Zusatznutzen...

Natürlich soll Therapie wirksam, lebensnah, konkret sein. Meinetwegen auch noch „sozialräumlich“. Aber ich freue mich immer besonders, wenn Psychiatrie-Erfahrene noch ganz andere Interessen haben, andere Lebensbereiche kultivieren. Sei es die Liebe zum Fußball, Interesse für Kunst und Kultur oder für Astronomie, manche gehen ja auch gerne zur Kirche, hören oder machen Musik, nehmen an Spiele- oder Grillabenden teil, wandern oder lesen gern, oder halten sich ein Kaninchen, und o Wunder, manche arbeiten auch gern oder lieben ihre/n Partner/in..... Ich bin immer froh, wenn ich solche Beispiele sammeln kann. Insbesondere, wenn das Aufgezählte dann außerhalb psychiatrischer Einrichtungen stattfindet. Ich kann nicht einfach nur platt sagen, „das Leben“ sei halt die beste Therapie. Dazu ist das Leben oft zu schrecklich, zu ungerecht, zu unbarmherzig, und oft genug Verursacher der Krisen. Aber das Leben in dieser Welt trotzdem bejahen können, sich diese „freien“ Räume schaffen, ins Tun, Genießen, Lernen, Lieben kommen, und dabei – wenn vielleicht auch nur zeitweise - diese ganze psychiatrische Geschichte vergessen können – das ist wirklich die beste Therapie.


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