Sibylle Prins

Vortrag: Berlin 2004

Krankheit als Lebensmittelpunkt. Wie mache ich alles falsch.

Sehr geehrte Damen und Herren,

zu dem Thema, was ich als Betroffenen dazu beitragen kann, dass mein psychisches Befinden und meine soziale Lage auf einem schlechten Niveau stagnieren oder sich sogar langfristig weiter verschlechtern gäbe es viel mehr zu sagen, als ich in diesen 10-15 Minuten vortragen kann. Es ist zudem ein etwas gefährliches Thema, denn manchmal habe ich den Eindruck, die Verantwortung dafür, was in dieser Hinsicht falsch gemacht werden kann, wird komplett auf uns Psychiatrie-Erfahrene abgeladen- d.h. wir wären diejenigen, die durch unser Verhalten, unsere Fehler, unser Nichtbeherzigen von Ratschlägen, die Nichtannahme von Einsichten oder Angeboten die Hauptschuldigen sind. Deshalb begrüße ich natürlich eine Veranstaltung, in der alle Beteiligten erforschen wollen, was ihr jeweiliger Beitrag ist.

Bei der Vorbereitung einer solchen Rede denkt man immer auch an das Publikum und daran, was dieses möglicherweise erwarten wird. Als ich das tat, ist mir sofort eingefallen: bestimmt muss ich hier etwas zum Thema „Krankheitseinsicht“ sagen. Das werde ich im engeren Sinne aber nicht tun. Dieses Thema ist hochkomplex und sehr individuell. Vor zwei Wochen gab es bei uns in Bielefeld eine Veranstaltung gerade zu diesem Thema, und ich stellte verblüfft fest, das, je nach Betroffenheit , Vorerfahrungen oder Berufsgruppe unter dem Stichwort „Krankheitseinsicht“ völlig verschiedene Dinge verstanden werden können. Hinzu kommen solche paradoxen Phänomene, dass es beispielsweise Menschen gibt, die sich zwar keineswegs als krank empfinden, aber trotzdem eine größere oder kleinere Behandlungsbereitschaft aufweisen. Meine eigene sog. „Krankheitseinsicht“ hat im Laufe der Jahre eher ab- als zugenommen, womit ich übrigens recht gut fahre. Ich will mich daher an diesem Thema ein wenig vorbeimogeln, denn dazu müsste man eigentlich eine eigene Veranstaltung machen. Trotzdem will ich es nicht ganz aus den Augen verlieren und mich ihm seitlich nähern, und zwar über das Thema Eigensinn. Dr. Thomas Bock hat des öfteren Psychosen der verschiedenen Arten als eine besondere Form von Eigensinn beschrieben. Ich musste darüber einerseits ein wenig schmunzeln, andererseits steckt für mich die ernsthafte Frage dahinter, ob man eine Psychose nicht als mißlingenden Individuationsversuch ansehen kann. Ich werde allerdings nicht auf diesen Eigensinn eingehen, der sich möglicherweise im Ausbruch und Verlauf einer psychischen Erkrankung manifestieren könnte, sondern dies etwas weiter fassen, wobei dann nicht mehr nur Psychosen, sondern auch andere psychische Probleme erfaßt werden. Ich will eingehen auf jene Art von Eigensinn, die sich- so zumindest meint es die Umgebung- im Umgang mit der Problematik, bei der Bewältigung des nun veränderten oder zu verändernden Alltags, bei dem Versuch der nicht bloß beruflichen Wiedereingliederung zeigt. Diesen Eigensinn stellte ich nach meiner zweiten Psychose auch bei mir selber fest. Darüber war ich ganz überrascht, denn einen solchen Charakterzug kannte ich von mir gar nicht. „Was ist das denn jetzt plötzlich“, so dachte ich. Ich habe dafür auch nicht einmal den relativ neutralen Begriff „Eigensinn“ verwendet, sondern diese neu aufgetretene Persönlichkeitseigenschaft etwas abwertend als kindlichen oder pubertären Trotz bezeichnet. So richtig wohl war mir nicht dabei, diesen plötzlich aufzuweisen. Aber: dieser Trotz oder Eigensinn hat mir, um es mal pathetisch auszudrücken, das Leben gerettet. sogar in physischem Sinne, weil er mich vor suizidalen Handlungen bewahrt hat, etwa in der Weise: ich lasse mich aus diesem Leben nicht rausekeln, ich will keine psychiatrische Statistik über die Suizidhäufigkeit von psychisch Kranken bereichern. Der Eigensinn hat dazu geführt, dass ich zwar einiges an psychiatrischer Hilfe in Anspruch nahm, andere psychiatrische Möglichkeiten aber, die man durchaus für sinnvoll hätte halten können, ablehnte und mit meinen Problemen lieber selber fertig werden wollte oder notfalls sogar darauf hängenbleiben wollte. Er hat bewirkt, dass ich trotz mehrfacher Psychosen und langanhaltender Depressionen noch sehr lange einen Arbeitsplatz auf dem 1. Arbeitsmarkt innehatte, und als diese Durchhalterei dann endgültig keinen Sinn mehr machte, naht- und mühelos in ein bereits in Ansätzen aufgebautes neues Leben umsteigen konnte. Ich halte also den Eigensinn für eine lebenswichtige Ressource, für eine Energiequelle: darin steckt der Wille zur Gesundheit, darin steckt der Drang, doch noch zu einem guten und erfüllten leben zu gelangen. Was man dabei aber falsch machen kann: man kann diesen Eigensinn in die falsche Richtung lenken. In den ersten Jahren unserer Selbsthilfegruppe ist mir gleich aufgefallen, dass wir Psychiatrie-Erfahrenen dieses Maß an Eigensinn durchaus gemeinsam haben, diesen jedoch völlig verschieden einsetzen. Und so kann man einfach an den falschen Fronten kämpfen. Es macht beispielsweise in gewissen Phasen des Lebens Sinn, das Thema Medikamente in den Vordergrund zu rücken: wenn man erstmals damit zu tun hat, wenn die Nebenwirkungen so stark sind, dass sie Leben mehr verhindern als fördern, wenn man planen will, was bei eine wiederholten Krise zu tun sei, wenn man nach längerer Einnahme noch mal neu überlegt: muss das wirklich sein, geht es nicht auch anders. usw. Es gibt aber auch Phasen, wo m.E. das Kreisen um die Medikamentenfrage, das Austragen von Uraltkonflikten mit Angehörigen, das Aufrechnen negativer Psychiatrie-Erfahrungen nicht das wichtigste Thema sein dürfen, weil man sich darin unnötig aufreibt, seine Energien verschwendet und die eigentlich anstehenden Lebensprobleme ungelöst bleiben. Die Aufgabe wäre also, zu reflektieren: was mache ich mit diesem Power-Pack, meinem Eigensinn, wo soll es hingehen?

Damit komme ich zum 2. Punkt. Krankheit als Lebensmittelpunkt. Nun setzen sich Krankheiten, insbesondere psychische Krankheiten, frecherweise einfach in das Zentrum des Lebens eines Betroffenen, der mit diesem Leben eigentlich ganz etwas anderes vorhatte. Es ist natürlich sinnvoll, sich dieser zentralen Frage dann auch intensiv zuzuwenden. Aber: muss die Krankheit ewig in diesem Zentrum bleiben, oder kann man ihr nicht doch auf Dauer einen bekömmlicheren Platz zuweisen? Das ist von verschiedenen Bedingungen abhängig - was trage ich selbst dazu bei? Die psychischen Probleme aus dem Brennpunkt zu rücken schafft man u.a. dann schlecht, wenn die Erkrankung das einzig und am stärksten interessante und interessierende Ereignis im Leben ist und bleibt. Das Menschen sich mit einer Krankheit bei anderen interessant machen, ist ein Phänomen, was man auch von körperlichen Erkrankungen gut kennt. Was mich eher bedrückt ist, wenn die psychische Krise für den Betroffenen selbst das einzige ist, was für ihn/sie an seinem oder ihrem Leben interessant ist. Ein Gegenmittel wäre, dass man persönliche, nicht mit der Krankheit zusammenhängende Interessen, Tätigkeiten und Beziehungen zuläßt, aufbaut fördert. Dabei ist mitunter die Unterstützung der Umgebung ausschlaggebend, weil ich selbst von der Krise und der Psychiatrie-Erfahrung so mitgenommen sein kann, dass ich dies zu dem Zeitpunkt nicht schaffe.

3. Resignation und Selbstaufgabe. anfangs erwähnte ich den Eigensinn als notwendige , aber reflektiert zu benutzende Ressource. Manche Menschen verlieren im Laufe ihrer Erkrankung und Psychiatrie-Erfahrung diese Ressource. Sie sehen sich selbst nur noch als krank- womöglich unheilbar krank- nicht im geringsten belastbar, und haben kein Vertrauen mehr in sich selbst oder ihre Fähigkeiten. Sie haben nicht nur vorübergehend, sondern für sehr lange Zeit das Gefühl, ihr Leben nicht im Kleinsten selbst gestalten zu können. Es kann dazu kommen, dass man dann nicht zuwenig, sondern zuviel psychiatrische Hilfe in Anspruch nimmt. Mich wundert ein wenig, dass das Konzept des „Recovery“, d.h. die zugrundeliegende Annahme, dass ein Mensch von einer psychischen Krise wieder ganz oder wenigstens weitgehend gesunden kann, nun als völlige Neuentdeckung gefeiert wird. Eigentlich sollte das eine selbstverständliche Haltung sein, aber es gibt auch Psychiatrie-Erfahrene, die sich selbst nicht mehr als zumindest potentiell gesunde Personen wahrnehmen können. Und, auf den Alltag bezogen herrscht oft eine Art selbstbestrafender Umgang mit sich selbst vor: manchmal kann das Leben durch psychische Probleme ja sehr eingeschränkt werden. Traurig und vor allem kontraproduktiv ist es aber , wenn man aus lauter Hoffnungslosigkeit, Resignation, Selbsthass oder Verbitterung auch auf die Erfüllung jener Wünsche verzichtet, die durchaus noch erreichbar sind und im Bereich des Möglichen liegen, realisierbare Erfüllungen, Genüsse, und, ja auch Vergnügungen unbeachtet läßt und nicht verwirklicht. Dazu gehört übrigens auch die mangelnde Geduld im Umgang mit sich selbst.

4. Einen Rosengarten erwarten. Wenn jemand sehr stark leidet und sehr unter Druck steht, stellt er/sie sich oft die Lösung dieser Situation als das andere Extrem vor: als ein wunderbares, traumhaftes Nirwana, in dem alle Hindernisse innerer und äußerer Art beseitigt sind, es keine Probleme, keine unangenehmen Verpflichtungen und vor allem keine negativen Gefühle, keine Ängste, keine Unlust mehr gibt. Das scheint so eine Art emotionaler Mechanismus zu sein, den ich übrigens ganz verständlich finde. Trotzdem: das Leben ist natürlich kein Rosengarten. Und selbst wenn man dann vielleicht doch so eine Art persönlichen Rosengarten gefunden haben mag: Rosen haben im Allgemeinen Dornen. Sie folgen in ihrem Wachstum den Jahreszeiten: sprießen, erblühen und verwelken auch wieder. So ein Garten macht eine Menge Arbeit, da muss gejätet, gedüngt, gegossen, gehackt, geschnitten werden. Mit dieser blumigen Umschreibung will ich sie vorsichtig auf meinen protestantischen Hintergrund vorbereiten: ich bin zwar froh, dass ich aufgrund meiner Erkrankung von allerlei Pflichten, die andere Erwachsene haben, befreit bin – ein Leben ganz ohne Pflichten und Verpflichtungen wäre für mich nicht erstrebenswert. Ich darf heute viele Dinge tun, die ich gern tue und die mir Freude machen- aber es bleibt ein Anteil von Aufgaben, die ich ungern tue, zu denen ich mich immer wieder neu überwinden muss. Ich finde das richtig, dass es auch dies in meinem Leben gibt. Das ist vielleicht sogar der wesentlichste Teil der vielbeschworenen Normalität. Nun gab es Zeiten, wo gerade solche Aufgaben mir zuviel waren, nicht schaffbar schienen, mir über den Kopf wuchsen. Geholfen hat mir in dieser Situation ein Ratschlag des amerikanischen Schriftstellers Ralph Waldo Emerson, der dazu aufrief, jeden Tag eine – und nur eine- Sache zu tun, zu der man keine Lust habe. Das sei wichtig als Vorbereitung auf schwierige Zeiten. Ich kann sagen: der Ratschlag hilft auch, wenn die schwierigen Zeiten da sind.

Ich könnte über das Thema, was man als Betroffene alles falsch machen kann, drei Tage und drei Nächte reden. Vor allem deshalb, weil ich nahezu alle Fehler, die man machen kann, auch irgendwann selbst gemacht habe, und fleißig mit dem Fehlermachen fortfahre. Es finden sich immer neue Varianten. Weitere Punkte wären z.B. das Stigma, das psychische Erkrankung mit sich bringt, allzusehr zu übernehmen oder überall zu wittern, die Themen erlernte Hilflosigkeit und erlernte Unfähigkeit, Überschätzung und Idealisierung von Nichtbetroffenen – oder umgekehrt, Abwertung Nichtbetroffener und Idealisierung der eigenen Betroffenengruppe, persönliche Grenzen zu weit oder zu eng oder an der falschen Stelle zu stecken, sich zuviel oder zuwenig zruückzuziehen. Aus Zeitgründen muss ich es beim Anreißen dieser wenigen Punkte belassen. Eine kleine Sache will ich aber noch aufgreifen. Bereits in den ersten Jahren meiner Psychose-Erfahrung bekam ich natürlich von anderen –Freunde, Angehörige, Therapeuten - viele Hinweise und Ratschläge, wie ich meine Probleme bewältigen könnte. Manche dieser Ratschläge waren untauglich oder undurchführbar, manche in sich widersprüchlich, manche kamen zum falschen Zeitpunkt. Einige waren aber dabei, die ich im Nachhinein eigentlich ganz sinnvoll und einleuchtend finde- nur, ich habe damals nicht verstanden, was damit gemeint war, oder wie ich sie konkret in mein leben umsetzen könnte. Heute bin ich deshalb ein wenig sauer: auf die Ratgebenden, die mir das Wichtigste an ihrem Wissen oder Erfahrung damit vorenthielten. Auf mich selber, weil ich nicht genug nachgefragt und nachgehakt habe, mich nicht traute, dumme Fragen zu stellen und meinem Gegenüber deutlichere Aussagen zu entlocken. Vielleicht wäre mir manches erspart geblieben. Hinterher weiß man es immer besser.


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