Sibylle Prins

Zeitschrift "Sozialen Psychiatrie" Heft 3/2007

Eine Lanze für die Raucher

„Hallo, ich heiße Sibylle und bin nikotinsüchtig“ - so etwa stelle ich mir meinen Eintritt bei den AR (Anonymen Rauchern) vor. Denn das stimmt: Ich bin nicht nur ein wenig süchtig oder abhängig von diesem Stoff, sondern zähle, nach den ganzen Checklisten, die es dafür so gibt, sogar zu den „hochgradig Abhängigen“, denen natürlich auch das Aufhören besonders schwerfällt. Dass es mal mit mir soweit kommen würde, hatte ich mir früher nicht vorstellen können, weil ich erst relativ spät mit dem Rauchen angefangen habe - nämlich in der Psychiatrie. Was sollte man auch sonst tun gegen die Langeweile und Tristesse auf Station. Dass Koffein und Nikotin die Wirkungen und Nebenwirkungen der Neuoleptika abdämpfen, merkte ich damals nicht so sehr - wohl aber, dass in der Psychiatrie eine Art „Lagermentalität“ galt, bei der Zigaretten und Pulverkaffee durchaus als zumindest soziale Währung galten. Was das Rauchen seither und neben dem rein stofflichen Suchtfaktor für mich bedeutete und bedeutet hat, will ich hier jetzt nicht offenlegen. Aber es ist klar, dass ich darüber, dass ich rauche, nicht besonders glücklich bin. Zum einen die Folgen für die Gesundheit - alle Raucher/innen tragen in sich die Furcht vor diesem Schreckenswort „Lungenkrebs“, und den sonstigen Nachrichten über Lebensverkürzung und Leidensverlängerung durch die Glimmstängel kann man ja auch nicht entgehen. Im Gegenteil, diese Warnungen habe ich eine Zeit lang extra aufgespürt, in der Hoffnung, es würde meine Entwöhnungsversuche unterstützen. Ferner ist es inzwischen sozial so geächtet, dass man sich den damit zusammenhängenden Predigten, vorwurfsvollen Blicken, Ausgrenzungen auch nicht gerne aussetzt - und selbst ja eigentlich auch kein Belästigungsfaktor für Mitmenschen sein möchte. Unhygienisch ist es außerdem, und sogar ich als starke Raucherin komme manchmal in Räume oder Situationen, wo mir das plötzlich unangenehm ist. Natürlich habe ich schon vieles versucht, um davon loszukommen - sämtliche Methoden, die bei anderen erfolgreich waren, sämtliche Ratgeberbüchlein mit Hundertprozent-Garantie, eine verhaltenstherapeutisch orientierte Gruppe der Krankenkasse, Nikotinpflaster - alles völlig fruchtlos. Allerdings, der Versuch mit dem Niktoinpflaster ließ mich hoffen, vielleicht mache ich da noch einmal einen neuen Anlauf ... Nun kommt aber noch etwas anderes hinzu - meine Neigung zu Psychosen. Es ist in psychiatrischen Kreisen ja nicht unbekannt, dass der Versuch, mit dem Rauchen aufzuhören, Menschen mit einer entsprechend schwierigen psychiatrischen Vorgeschichte so unter Stress setzen kann, dass sie in psychische Krisen geraten. Das berichte nicht nur ich aus der Selbsthilfeszene, sondern auch Leiter/innen von den bereits erwähnten Raucherentwöhnungskursen. Das muss nicht so kommen, kann aber passieren. Vor einigen Jahren – so berichtete mir ein Freund mit genau derselben Problematik - war es sogar so, dass beim Raucherberatungstelefon irgendeines Krebsforschungsinstituts die Diagnose „Schizophrenie“ als Kontraindikation genannt wurde, um mit dem Rauchen aufzuhören. Davon wird man inzwischen wohl abgerückt sein, schließlich kenne auch ich Psychose-Erfahrene, die es gut und glücklich und dauerhaft und – ohne Krise - doch geschafft haben. Aber so ganz ohne ist das alles nicht. Ich kenne eine Frau, deren erstes „Krisenzeichen“ darin besteht, dass sie zu rauchen aufhört - ihre Umgebung ist dann sehr besorgt, weil sie – bisher meistens zu Recht - befürchtet, sie innerhalb der nächsten 14 Tage mit ziemlichem Aufwand in die Klinik bringen zu müssen. Und bei mir selbst: Wenn mein Nikotinbedürfnis sich plötzlich drastisch verringert, ich meine, nur noch auf dem Balkon rauchen zu sollen, oder die Zigaretten schlicht eklig finde - da sollte man mich am besten auch sofort einweisen. Bis zur voll aufgeblühten Psychose sind es dann nur noch maximal drei Tage.

Nun gut - einer dieser Warnhinweise auf Nikotinprodukten besagt, der Arzt oder Apotheker könne einem beim Aufhören helfen. Wie schön. Als ich einem früheren Psychiater mein Problem vortrug und mich beklagte, gerade beim Schreiben würde ich doch zu viel rauchen, lächelte er und sagte lapidar „never change a winning team“. Meine jetzige Psychiaterin, die ich als etwas strenger erlebe, winkte auch gleich ab, ich solle mir keine Radikalkuren antun, und meinte, ich solle halt nur versuchen, es ein bisschen einzuschränken. Schließlich meinte ich dann, einen mir empfohlenen und durchaus seriösen Heilpraktiker aufsuchen zu müssen, der Raucherentwöhnungsbehandlungen durchführte. Als er von meiner Vorgeschichte erfuhr, lehnte er es sofort ab, mich zu behandeln. Ich hätte zwar eine Sucht, das sei auch schlecht für die körperliche Gesundheit, natürlich, aber angesichts meines Grundproblems Psychose sei das immerhin noch tragbar. Sollte ich es schaffen, meinen Konsum auf die Hälfte einzuschränken, sei das für meine Gesundheit auch schon „göttlich“. So kommt es nun zu der paradoxen Situation, dass ich quasi mit ärztlicher und heilpraktischer „Erlaubnis“ weiterrauche ... wobei ich den Allgemeinmediziner oder den Kardiologen wohlweislich nicht gefragt habe

... Das alles wäre nur eine Anekdote aus dem Kuriositätenkästchen - wenn nicht gerade eine Kampagne und notabene sogar ein Gesetzgebungsverfahren gegen das Rauchen laufen würde. Dieses Sturmlaufen gegen das Rauchen das wäre noch hinnehmbar, man versteht das ja alles gut, würde halt nicht mehr in Kneipen rauchen dürfen, also dort auch nicht mehr hingehen, und bei der Stadtverwaltung durfte man doch noch nie rauchen? Dass gerade Krankenhäuser rauchfrei werden sollen, ist auch sofort einsehbar - wenn, ja wenn es nicht auch die psychiatrischen Krankenhäuser beträfe. Und wenn es in diesen psychiatrischen Krankenhäusern nicht Menschen gäbe, für die das Rauchen zwar auch ein schädliche Sucht, aber oft auch ihr einziger kleiner Luxus und die einzige Alltagserhellung in einem ansonsten ziemlich desolaten Leben ist (von rauchenden Psychiatrie-Mitarbeitern will ich jetzt mal nicht sprechen, auch nicht davon, dass ich beschwören kann, auch schon rauchende Psychiater gesehen zu haben). Die Langeweile und Tristesse und alles andere hatte ich ja schon erwähnt - aber gut, können doch alle Raucher/innen vor die Tür gehen, in den Garten, sonst wohin – aber das eben nicht. In der Psychiatrie gibt es nämlich auch geschlossene Stationen bzw. Ausgangsverbote. Wie will man das denn in Zukunft handhaben? Könnte es vielleicht doch nötig sein, hier Sonderregelungen zu treffen - auch, wenn das so gar nicht zum Zeitgeist passt? Ich weiß wohl, manche Psychiatrien bieten auch Raucherentwöhnungskurse an - dass diese nicht immer erfolgreich sind, berichtete ich ja schon. In Zeiten dicker Krisen hat man möglicherweise auch anderes zu tun, als sich jetzt das Rauchen abzugewöhnen. Ich finde es auch ein bisschen geschmacklos, wenn ich meine Geschichte betrachte - mittelbar durch die Psychiatrie bin ich erst zur Raucherin geworden, nun will dieselbe Psychiatrie mir das wieder abgewöhnen, ähnlich wie beim Entzug von Tablettenabhängigkeit, die man ja auch … aber ist ein anderes Thema. Jedenfalls - ich möchte das Rauchen nicht schönreden. Aber darauf hinweisen, dass in der Psychiatrie nun mal Raucherzimmer und Raucherzonen gebraucht werden. Findet ja auch nicht jede/r (nichtrauchende) Psychiatrie-Erfahrene/r schön. Ist aber so. WAs aber die öffentliche und politische Kampagne angeht, so komme ich nicht darum herum , mich zu wundern: Wie fürsorglich der Staat sich plötzlich um uns kümmert! Und wenn doch die CO2-Emissionen, die Auto- und Flugzeug-Abgase ebenso hart bekämpft würden, dann würde ich mich dieser Kampagne vielleicht sogar anschließen. Merkwürdig mutet auch an, eine private Gewohnheit einer Minderheit nun so stark zu diffamieren- man fühlt sich als Raucherin ja schon in die Nähe von „Volksschädlingen“ gerückt. Ob das alles vielleicht ein reines Scheinmanöver der Politik ist? Denn hier kann man endlich ein für alle Bürger sichtbares, im Alltag erlebbares Ergebnis vorweisen - die Nichtraucher freuen sich, die Raucher wagen es nicht, ernsthaft zu protestieren, die Tabakindustrie hält sich bedeckt, nur ein paar Gastwirte nörgeln.....wenn doch jedes Gesetz die Probleme auf so einfache Art „lösen“ könnte. Alle anderen Bereiche sind immer so kompliziert... Aber haben wir nicht Wichtigeres zu tun?
Zurück