Sibylle Prins

Vortrag: Hamm 2003

Nachdenken über Gewalt -Gründe und (Aus-) Wirkungen

Sehr geehrte Damen und Herren,

zum Thema "Gewalt und psychische Erkrankung" oder auch "Gewalt in der Psychiatrie" kann ich nur sehr ausschnitthaft und nur begrenzt Aussagen machen. Zum einen war ich selbst kein Opfer von psychiatrischer Gewalt im engeren Sinne, wenn man von einigen sehr kurzen Aufenthalten auf geschlossenen Stationen absieht. Mein eigenes Gewaltpotential in den Psychosen beschränkte sich auf eine sehr lang zurückliegende Sachbeschädigung und hin und wieder verbalen Aggressionen. Ich muss daher überwiegend auf Erfahrungen anderer Psychiatrie-erfahrener, die mir ihre Erlebnisse erzählten, zurückgreifen. Beim Thema Gewalt und psyvhische erkrankugn gibt es noch andere beteiligte, etwa Angehörige oder psychiatrische Mitarbeiter/innen. Auch auf deren Bedürfnisse undProbleme kann ich hier nicht eingehen. Selbst bezüglich der Psychiatrie-Erfahrenen vertrete ich nur einen kleinen Ausschnitt: mir ist z.B. bekannt, dass ein sehr großer Teil aller Gewalttaten, die in dieser Gesellschaft vorkommen, unter Alkoholeinfluss stattfinden. Auch damit hat es die Psychiatrie häufig zu tun - bei den Menschen, über die ich hier spreche, spielte der Alkohol nur manchmal eine Rolle. Aber das gesamte Thema, Gewalt in der Psychiatrie, ist ja auch nur ein Ausschnitt aus der allgemein-menschlichen Gewaltproblematik. Allerdings kommt es in der Psychiatrie zu ganz besonderen Konstellationen, und die Frage, die mich seit jeher interessiert ist, ob man aus dem Umgang mit gewaltsamen Situationen anderswo etwas für die Psychiatrie lernen kann, oder ob umgekehrt, psychiatrische Erfahrungen mit Gewalt für andere, die nach Lösungen eines Gewaltproblems suchen, sinnvoll sein können. In der Psychiatrie trifft beispielsweise individuelle Gewalt auf staatliche Gewalt in einer sehr spezifischen Art und Weise; da gibt es neben der Gewalt gegen andere Personen oder gegen Sachen auch Gewalt gegen die eigene Person, eine Form von Gewalt, die in anderen Zusammenhängen eher selten ist, bzw. wenn sie auftritt, eben zur psychiatrischen Behandlung - und nicht etwa zu einem Gerichtsverfahren - führt. Von Seiten der Psychiatrie wird Gewalt oder Zwang zu medizinischen oder sonstigen therapeutischen Zwecken ausgeübt - der letztere Ausdruck missfällt mir, ich werde später noch darauf eingehen. Auch das eine Besonderheit. Ganz außergewöhnlich ist, dass in der Psychiatrie Gewalt gegen kranke Menschen ausgeübt wird - zumindest will die Psychiatrie sie als krank verstanden wissen. Damit hier keine Missverständnisse auftreten: ich empfinde das Krankheitsmodell in diesem Zusammenhang durchaus als eine humane Lösung, und halte es für einen großen Fortschritt unserer Rechtsgeschichte, zuzugestehen, dass Menschen in Zustände geraten können, in denen sie für ihre Handlungen nicht oder nur begrenzt verantwortlich gemacht werden können. Trotzdem steckt hierin ein nahezu unlösbarer Widerspruch, ein Widerspruch in der Fachlichkeit der Psychiatrie, der mich als Psychiatrie-Erfahrene besonders ärgert: Opfer von Zwang oder psychiatrischer Gewalt werden zu einem Großteil Menschen, die Psychosen durchleben. Nun bekomme ich als Psychose -Erfahrene bis zum Überdruss gesagt, Psychose-Erfahrene seien besonders vulnerabel, dünnhäutig, empfindlich, verletzlich, wenig belastbar. Das Für und wider einer solchen Darstellung möchte ich im Moment nicht diskutieren, aber wie ist diese These damit vereinbar, dass gerade die so übersensibel eingeschätzten Menschen Erlebnisse wie Zwangseinweisungen, gewaltsame Fixierungen und Zwangsmedikationen über sich ergehen lassen müssen? Ich möchte Ihnen schildern, wie ich das im Gespräch mit anderen Psychiatrie-Erfahrenen erlebe: ich kenne etliche Menschen, von denen ich erst nach sehr langem Bekanntschaft und einer großen Vertrautheit etwas über die durchlebte Fixierung oder Zwangsmedikation erfahren habe. Die Betroffenen sind häufig nicht in der Lage darüber zu sprechen, und wenn doch, dann nicht ausführlich. Zu tief sind der Schock, die Scham und das Gefühl der Entwürdigung. Und zwar nicht nur bei irgendwie antipsychiatrisch eingestellten Patienten, sondern sogar bei jenen, die im Nachhinein mehr oder weniger Verständnis für diese Maßnahme aufbringen. Die Erinnerung an solche Erlebnisse hat sich ihnen oft unauslöschlich eingebrannt, sie träumen nachts davon, sie kreisen in Gedanken sehr häufig darum. Eigentlich - ein richtiges Trauma. Eigentlich - ein Fall für den Psychiater oder Psychologen. Aber mit denjenigen Patienten, von denen ich hier rede, hat man über diese Maßnahme nicht gesprochen. Kein klärendes Gespräch, keine Suche nach einer neuen Verständigung, kein Auffangen oder Erleichterung der erfolgten Verletzung der eigenen Würde. Nun, mancher Psychiatrie-Erfahrener würde es sich sicherlich auch verbitten, das seelische Schäden, die von der Psychiatrie ausgelöst werden, von eben dieser Psychiatrie auch behandelt werden. Aber zumindest das Angebot sollte bestehen: Behandlungsvereinbarungen, Nachbesprechungen, Besprechung dieser Erlebnisse in den psychotherapeutischen Sitzungen, die es ja auch in Kliniken gibt. Daneben und eher alltagspraktisch muss auch gesagt werden, dass ich etliche Patienten kenne, die sich bis heute nicht erklären können, wie es eigentlich zu dieser Maßnahme gekommen ist. Deren Erzählung hört sich etwa so an: "Ich habe einfach nicht mehr gesprochen, gar nichts mehr gesagt. Und plötzlich fielen drei Schwestern über mich her, legten mich auf ein Bett und gaben mir eine Spritze". oder so: "Ich konnte nicht schlafen, und lief auf dem Stationsflur hin und her. Die Nachtwache sagte, ich solle ins Bett gehen, ich weigerte mich und sagte, ich könne im Bett nicht schlafen. Darauf hin wurde ich vierundzwanzig Stunden lang fixiert, nicht mal für den Gang zur Toilette wollte man mich losmachen". Sie werden diese Berichte natürlich für einseitig halten, und meinen aus Sicht der Ärzte oder des Personals gab es vielleicht gute Gründe - nur ist dies die Perspektive der Betroffenen. Diese Betroffenen- Perspektive haben die anderen Beteiligten erstens nie erfragt, zum anderen wurde auch kein versuch gemacht, den Betroffenen die Perspektive der anderen nahezubringen. So bleiben sie allein mit dem Bild einer willkürlich Gewalt anwendenden Psychiatrie. Und vielleicht gibt es das auch - ich höre vereinzelt immer wieder Beispiele, wo mir scheint, dass die psychiatrische Gewalt nicht aus Gründen der Gefahrenabwehr, sondern eher aus "pädagogischen" Gründen angewendet wurde, etwa um dem Patienten eine kommunikative Grenze zu setzen. Ich halte das für schwarze Pädagogik. Aus der professionellen Kinderpädagogik ist die Gewalt verschwunden, und wird sanktioniert - bei Erwachsenen darf man das? Ganz abgesehen mal davon, dass ich manche Aggressionen von Patienten auch für gerechtfertigt oder zumindest verständlich halte - in einem Einwohnermeldeamt kann ein unzufriedener, lästiger oder herumbrüllender Bürger/Nutzer auch nicht der Einfachheit halber fixiert werden. Und selbst wenn es nur diesen Anschein hat für den Psychiatrie-Erfahrenen, so darf man ihn mit diesem Eindruck doch auch nicht allein lassen! Nur am Rande möchte ich übrigens erwähnen, dass im psychiatrischen Bereich an der einen oder anderen Stelle zwar mit Drohungen und Druck gearbeitet wird, dass ich aber die Zusage von Belohnungen, die real sind und über eine verhaltentherapeutische Zigarettenzuteilung hinausgehen, nur selten erfahren habe. Zum Schluss dieses Abschnitts möchte ich Ihnen noch sagen, dass ich natürlich genauso wie alle anderen Psychiatrie-Erfahrenen mir eine wirklich gewaltfreie Psychiatrie wünsche. Ob es diese geben kann, weiß ich selbst nicht. Ich weiß aber, dass es Behandlungsmodelle gibt, die mit sehr viel weniger Zwang und Gewalt auskommen als die meisten Kliniken. Diese Modelle müssen dringend sehr viel mehr Aufmerksamkeit, Interesse und Nachahmung finden, als das bisher der Fall ist.

Ich möchte nun zu einem anderen Thema kommen, welches von Psychiatrie-Erfahrenen vielleicht nicht so häufig thematisiert wird: die Gewalt, die mitunter von Psychiatrie-Erfahrenen selbst ausgeht. Auch dies ist für uns ein sehr belastendes Thema, und wird vielleicht deshalb auch nur selten berührt. Da ist zum einen die große Anzahl derjenigen Psychiatrie-Erfahrenen, die noch nie selbst gewalttätig geworden sind, und sich durch Medienberichte plötzlich in die Nähe von Menschen gerückt fühlen, die schwere, aufsehenerregende Straftaten begangen haben. Ich erinnere mich noch gut an eine Sitzung einer Gesprächsgruppe für Psychotiker in einer Ambulanz zu der Zeit, als die Attentate auf Oskar Lafontaine und Herrn Schäuble stattgefunden hatten. Wir Patienten waren auf vielen Ebenen beunruhigt durch diese Ereignisse und die vielen Berichte darüber, aber der anwesende Therapeut war nicht in der Lage, mit uns darüber ein vertiefendes, Klarheit schaffendes oder auch nur beruhigendes Gespräch zu führen. Sehr schade. Weiterhin kann da die Angst vor der Gewalt durch Mitpatienten sein. In einer psychiatrischen Klinik kommen sehr unterschiedliche Menschen zusammen. Manche kommen auch aus sozialen Milieus, in denen die Anwendung oder Androhung von Gewalt zur Tagesordnung gehört und als relativ "normal" gilt. Das macht nicht nur den Mitarbeitern Probleme, sondern auch etlichen Psychiatrie-Erfahrenen. Ganz abgesehen davon, dass natürlich auch mit Menschen aus solchen Kreisen versucht werden sollte, das gewalttätige Verhalten zu reflektieren. Womit ich bei denjenigen Psychiatrie-Erfahrenen bin, die selbst gewalttätig geworden sind. Auch hier nur ein Ausschnitt: einige erfahren dies als sehr traumatisch, beispielsweise einen anderen Menschen angegriffen zu haben. Außerhalb der psychischen Krise sind sie vielleicht sehr ruhige, eher aggressionsgehemmte oder besonders friedliebende Menschen. Sie sind häufig eher Opfer von Gewalt gewesen, und finden sich nun plötzlich als Täter oder Täterin wieder. Ich muss der Psychiatrie vorwerfen, dass auch diese Menschen nicht immer darin begleitet werden, solche Erfahrungen zu verarbeiten. Ich rede hier ausdrücklich von Begleitung, also einer vorsichtigen Herangehensweise: es gibt Menschen, die sich diesen Erfahrungen so nicht oder erst nach sehr langer Zeit stellen oder annähern können, ohne daran völlig zu zerbrechen.

Wie es zu Gewaltsituationen kommt- darüber gäbe es natürlich viel zu sagen. Vieles ist auch schon von psychiatrischen Fachleuten dazu gesagt worden. Hat man uns dazu eigentlich immer auch befragt? Aber ich will mich hier wieder auf einige wenige Erfahrungssplitter beschränken: da ist zum einen die Beobachtung, dass eine große Anzahl von Psychiatrie-Erfahrenen, wenn sie Gewalt ausüben, glaubt, sie wären in einer objektiven Notwehrsituation. Bei Notwehr ist Gewalt sogar gesetzlich erlaubt. Die Umgebung erfährt dies natürlich anders. Aber auch darüber muss doch, zumindest im Nachhinein, ein Gespräch möglich sein. Außerdem: was täten denn Sie, wenn man Sie gegen Ihren Willen auf eine geschlossene Station verfrachtete, obgleich Sie nicht im mindesten das Gefühl hätten, krank zu sein? Ein anderes Motiv, dem ich auch schon häufiger begegnet bin: die - meist durch psychotische Inhalte verursachte - Idee, man würde jemanden mit der Gewaltausübung etwas Gutes tun- beispielsweise ihn vor etwas retten. Oder man könne sogar die ganze Welt retten durch eine einzelne Gewalttat. Sie sagen Wahnidee dazu- nur würden Sie, wenn sie einer solchen Idee aufgesessen wären, nicht auch die Gewalt für gerechtfertigt halten? Und wendet nicht sogar die Psychiatrie selbst Gewalt an, um jemanden zu retten? Auch bei der Gewalt gegen sich selbst können psychotische Inhalte eine Rolle spielen. In meinen Psychosen bin ich z.B. durchaus nicht lebensmüde --aber es kann die Vorstellung aufkommen, ich sei unverwundbar, und könne daher auch konventionellerweise lebensgefährliche Situationen eingehen, oder ich müsse mich opfern, um für die Menschheit Schlimmeres zu verhindern - ein in vielen Religionen durchaus übliches Motiv. Wenn nur die Psychiatrie sich für diese psychotischen Inhalte mehr interessieren würde, und auch solche Patienten, die nicht sehr häufig in der Klinik sind, besser kennen würde- vielleicht könnte man sich einiges an Aufwand, Ärger und auch Gewalt ersparen. Im übrigen möchte ich noch etwas anmerken, was mit einer gewissen Vorsicht zu genießen ist - betrachten Sie es als etwas, was heilsam oder auch giftig sein kann, wie es Heilmittel meistens sind: ich habe mir in bezug auf Suizidgefährdung manchmal einen etwas anderen Umgang von seiten der Psychiatrie mit diesem Thema gewünscht. In den langen Zeiten meiner Depressionen hatte ich durchaus starke Todessehnsüchte. Selbst heute habe ich noch manchmal solche Gedanken. Dabei halte ich mich aber für wenig suizidgefährdet, da ich gegen die Selbsttötung große ethische Bedenken habe, die bisher auch immer noch standhielten. Aber ein tiefergehendes, neutrales oder womöglich sogar weises Gespräch über solche Gedanken, die ja nicht nur als Ausdruck pathologischen Denkens und Fühlens in dieser Welt vorkommen, war nicht möglich. Dabei hat sich letzten Endes die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod für mich sogar als fruchtbar im Hinblick auf Krankheitsbewältigung und Lebensgestaltung erwiesen. Um es auf den Punkt zu bringen: ich fand das manchmal nicht nur hinderlich, sondern auch ziemlich platt, diese Abfolge: Erst die Frage "Haben Sie Suizidgedanken" und dann die Überlegung, ob eine Einweisung erfolgen solle oder doch lieber ein therapeutischer "Vertrag" mit der allzu jungen Therapeutin, an die ich gar keine persönliche Bindung hatte.

Zum Schluss wieder einige allgemeine Überlegungen: ich glaube, dass jeder Mensch die Möglichkeit in sich trägt, mit Gewalt zu reagieren. Für manche Lebenssituationen benötigen wir diese Fähigkeit - als Beispiel sei nur die eben schon erwähnte Notwehr genannt. Ich habe Sie, die Zuhörer, nicht gefragt, ob und wann Sie schon einmal mit Gewalt reagiert haben. Ich habe Sie nicht gefragt, ob diese Gewaltausübung auf gesetzlich geregelter Grundlage erfolgte, sonstwie gerechtfertigt war, oder ob Ihnen Ihr Gewaltpotential schon einmal außer Kontrolle geriet und Sie Gewalt ausübten in einer Weise, bei einer Gelegenheit, die Sie nicht vor anderen oder auch nicht mehr vor sich selbst rechtfertigen können. Manchmal frage ich mich, ob es psychische Krankheiten vielleicht deshalb gibt, um uns die Grenzen unserer Persönlichkeit und unseres menschlichen Bewußtseins, auf dass wir alle immer so stolz sind, vor Augen zu führen. Gewaltausübung aufgrund einer psychischen Erkrankung- auch das eine menschliche Möglichkeit. Wenn Sie noch nie aufgrund einer psychischen Notsituation zur Gewalt gegriffen haben - da können Sie sich glücklich schätzen!

Vielen dank für Ihre Aufmerksamkeit.


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